Einblick beim Pillendreher

Alle dürfen fast alles anfassen, riechen, schmecken

An Tagen wie diesen, wenn das Wetter sich nicht zwischen kalt und warm, klar und trüb entscheiden kann, wenn nach ausgiebiger Narretei eine gewisse Katerstimmung herrscht, ist der Gang zur Apotheke zuweilen unumgänglich. Stopp am Tresen. Den Augen der Kundschaft bleibt verborgen, welche womöglich wundersamen Mittel die Heilkundigen mischen. Offen sind hingegen die üblichen Schranken im Kleinen Apothekenmuseum in Mainberg, einem Ortsteil der Gemeinde Schonungen. Dort in Schonungen am Dorfbach, der Steinach, kann zusätzlich ein Apothekergarten mit rund 140 Arzneipflanzen und jeweiliger detailgenauer Erklärung kostenlos besucht werden: „Entmystifizierung“ durch Schauen, Anfassen, Riechen und Schmecken.

Seit gut 25 Jahren gewähren die langjährigen Inhaber der Schonunger Apotheke regelmäßig Einblick in das Handwerk des Pharmazeuten. Die 800-Jahr-Feier Schonungens bot 1994 den Anlass, manches historische Schätzchen der Apothekenausstattung zu reaktivieren. Die Präsentation blieb nicht einmalig. Schon ab dem darauffolgenden Jahr war die Schumm’sche Sammlung in einer Dauerausstellung zu sehen. 

Die Initiative „Bürgerstimme Gestaltung Schonungen“ entwickelte das Konzept weiter. Senior Fritz Schumm durfte 2016 ein Jahr vor seinem Tod noch den Umzug ins ehemalige Mainberger Rathaus an der Mainleite 4 direkt neben der Kirche und mit Bushaltestelle vor der Tür erleben. Junior Friedrich Karl Schumm lädt gerne anlässlich besonderer Ereignisse in der Gemeinde oder am internationalen Museumstag im Mai zu kostenlosen Führungen ein. Ansonsten können jederzeit Besichtigungen mit ihm unter der Rufnummer 09721 7383447 verabredet werden. 

Barrierefrei ist der Zugang zum Kleinen Apothekenmuseum im ehemaligen Mainberger Rathaus. Eine Bushaltestelle befindet sich keine 50 Meter weg. | Foto: B. Schneider
Barrierefrei ist der Zugang zum Kleinen Apothekenmuseum im ehemaligen Mainberger Rathaus. Eine Bushaltestelle befindet sich keine 50 Meter weg. | Foto: B. Schneider
Apotheker Friedrich Karl Schumm führt kundig und charmant durch das von seiner Familie bestückte Museum. Die Ausstattung aus dem Privatvermögen wurde der Gemeinde Schonungen überlassen, die nun Eigentümerin ist. Betrieben wird das Museum von einer Initiative mit dem Namen Bürgerstimme. | Foto: B. Schneider
Apotheker Friedrich Karl Schumm führt kundig und charmant durch das von seiner Familie bestückte Museum. Die Ausstattung aus dem Privatvermögen wurde der Gemeinde Schonungen überlassen, die nun Eigentümerin ist. Betrieben wird das Museum von einer Initiative mit dem Namen Bürgerstimme. | Foto: B. Schneider

Beim Rundgang durch die allesamt schwellenlos im Erdgeschoss untergebrachten Abteilungen kann er sich oft ein Schmunzeln nicht verkneifen. Was sein Großvater, danach sein Vater und schließlich er selbst betrieben, war eben eine typische Landapotheke: Vollversorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten für Mensch und Tier. Wissend, dass die wenigsten Gäste heute noch die Sütterlinschrift fließend lesen können, zeigt Friedrich Karl Schumm ohne Bedenken das selbst verfasste „Rezeptbüchlein“ seines Vaters. Was Fritz Schumm beispielsweise Hengsten zu verabreichen empfahl, um deren Leistung bei rossigen Stuten zu steigern, ist hier aufs Gramm festgehalten. 

Das „Pferde-Pulver” aus der Schumm'schen Apotheke war eine Art Viagra für Hengste. | Foto: B. Schneider
Das „Pferde-Pulver” aus der Schumm’schen Apotheke war eine Art Viagra für Hengste. | Foto: B. Schneider
Eine Landapotheke versorgte Zwei- und Vierbeiner. Tierheilmittel machten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch einen großen Teil des Umsatzes aus. | Foto: B. Schneider
Eine Landapotheke versorgte Zwei- und Vierbeiner. Tierheilmittel machten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch einen großen Teil des Umsatzes aus. | Foto: B. Schneider

Einkaufszettel mit höchst eigenwilliger, lautmalerischer Rechtschreibung von Bewohnern verschiedener „weit draußen“ gelegener Dörfer haben ebenso als geschichtliches Dokument die Zeit überdauert. „Fabrikarbeiter auf dem Weg nach Schweinfurt haben die Wunschliste morgens aus dem Bus gereicht und die Bestellung abends abgeholt“, berichtet Friedrich Karl Schumm und betont, dass diese Art der Apotheke auch soziale Aufgaben erfüllte. Als sein Vater 88-jährig verstarb, bezeichnete ihn Bürgermeister Stefan Rottmann in seinem Nachruf als „Vordenker, Querdenker, Mitdenker“. Fritz Schumm führte viele Jahre den unterfränkischen Apothekerverband und war Vorstandsmitglied des bayerischen. Gewürdigt wurde sein Engagement unter anderem mit der Bürgermedaille in Gold und dem Bundesverdienstkreuz am Bande. 

Der Mörser war und ist eines der wichtigsten Werkzeuge eines Apothekers. | Foto: B. Schneider
Der Mörser war und ist eines der wichtigsten Werkzeuge eines Apothekers. | Foto: B. Schneider
In der Pharmazie kommt es beim Abwiegen der Substanzen auf Präzision an. | Foto: B. Schneider
In der Pharmazie kommt es beim Abwiegen der Substanzen auf Präzision an. | Foto: B. Schneider

Ein großer Maschinenpark und verschiedenste Arbeitsgeräte verraten, dass die Schonunger Apotheker einen beträchtlichen Teil ihrer Medikamente immer selbst produzierten. Echte Pillendreher! Über einen Transmissionsriemen wird im Museum eine Apparatur in Gang gesetzt, die Pülverchen vermengt, in eine feste Form presst und in Dosen füllt. Verschiedene Substanzen dürfen die Besucher anfassen, beschnuppern und sogar probieren. Sie stammen in der Regel aus dem immer zugänglichen, topstrukturierten Apothekergarten an der Steinach. Ob die Pflanzen bzw. bestimmte Teile als Tees, Tabletten, Kapseln, Säfte, Tropfen oder Ampullen aufbereitet werden – „das ist weiterhin die Domäne des Apothekers, der in einem fünfjährigen Studium mit Staatsexamen ausgebildet wird“, stellt Friedrich Karl Schumm fest. Soll heißen: Das Kleine Apothekenmuseum macht einen schlauer, lüftet aber längst nicht alle Berufsgeheimnisse.

Der Apothekergarten an der Steinach in Schonungen wird wie das Museum in Mainberg von der Initiative „Bürgerstimme Dorfgestaltung Schonungen“ mit Unterstützung der Familie Schumm unterhalten und gepflegt. Die Pflanzen sind verschiedenen Abteilungen zugeordnet – zum Beispiel: Herz – Kreislauf – Nerven, Husten + Atemwege, Leber + Galle, Wundmittel – Haut – Rheuma, Niere + Blase. | Foto: B. Schneider
Der Apothekergarten an der Steinach in Schonungen wird wie das Museum in Mainberg von der Initiative „Bürgerstimme Dorfgestaltung Schonungen“ mit Unterstützung der Familie Schumm unterhalten und gepflegt. Die Pflanzen sind verschiedenen Abteilungen zugeordnet – zum Beispiel: Herz – Kreislauf – Nerven, Husten + Atemwege, Leber + Galle, Wundmittel – Haut – Rheuma, Niere + Blase. | Foto: B. Schneider

Schloss, Gutshof, Mühlen

Mainberg und Schonungen liegen an der Bundesstraße 26 unmittelbar vor den Toren Schweinfurts. Der Main-Radweg verläuft zwischen Fluss und Bahnlinie. Wanderrouten mit schönen Ausblicken führen zum Beispiel von der Bismarckshöhe entlang der Oberen Mainleite und rund um das Gut Kaltenhof; beliebt sind auch Abstecher und Einkehren in den Seitentälern Richtung Marktsteinach und Hausen – vorbei an zahlreichen Mühlen. Schlecht schaut es mit einem Besuch des Mainberger Schlosses aus. Die 1245 erstmals erwähnte Residenz der Grafen von Henneberg diente im 19. und 20. Jahrhundert den Schweinfurter Unternehmerfamilien Sattler und Sachs als Wohnsitz. Noch mehrfach wechselte die historische Anlage hoch über dem Ort den Eigentümer und ist nach wie vor in Privatbesitz. Seit Herbst 2017 sind einsturzgefährdete Teile notgesichert dank Finanzmittel aus dem Entschädigungsfonds des Freistaats Bayern.


Museum auch in Marktheidenfeld

Gewissermaßen „auf der anderen Seite“ Mainfrankens, also in entgegengesetzter Richtung von Mainberg, hat im Oktober 2018 in Marktheidenfeld der Apotheker Dr. Eric Martin ebenfalls ein Apothekenmuseum eingerichtet – und zwar in den Räumen der geschichtsträchtigen Obertor-Apotheke in der Obertorstraße 10. Gästen stehen sie offen mittwochs und samstags jeweils von 14 bis 18 Uhr (von November bis April nur samstags) sowie nach individueller Vereinbarung per Telefon (09391 98990) oder E-Mail (kontakt@museum-obertor-apotheke.de). Über 800 Exponate erläutern Alltag und Aufgaben eines Apothekers. Eintritt: 3 € bzw. ermäßigt 2 €. 

Die Kontaktdaten zu Friedrich Karl Schumm zum Kleinen Apothekenmuseum in Mainberg: 09721 7383447; apothekenmuseum@schonungen.org

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.