„Spurensucherpfade” an der vergessenen Strecke 46

2020 wird eine Route zwischen Main und Rhön ganz anders erschlossen, als dies ursprünglich geplant war. Sie sollte für Automobilisten im Zuge der aufkommenden Mobilisierung eine Nord-Süd-Verbindung in der Mitte Deutschlands schaffen. Nun erhalten stattdessen Wanderer und Mountainbiker im Tal der Fränkischen Saale und an dessen Hängen Gelegenheit, auf miteinander verbundenen Spurensucherpfaden ein außergewöhnliches Denkmal zu erkunden. Geländegängiges Schuhwerk beziehungsweise grobstollige Fahrradreifen sind vonnöten, denn die Bauwerke der lange vergessenen Autobahn liegen teilweise tief im Wald. Die Natur hat sich die vor über 80 Jahren gerodete Trasse wieder einverleibt. 

Mitten auf einer Wiese neben der Fränkischen Saale steht zwischen Gräfendorf und Schonderfeld ein Brückenpfeiler der wegen des Zweiten Weltkriegs nicht fertiggestellten Reichsautobahn von Fulda nach Würzburg. Die Sektion Main-Spessart des Deutschen Alpenvereins nutzt das Bauwerk zum Klettern. | Foto: B. Schneider
Foto: Dieter Stockmann

Die Strecke 46 ist ein knapp 70 Kilometer langes unvollendetes Autobahnteilstück, das den Verkehr von Bad Hersfeld bis zum Kirchheimer Dreieck bei Würzburg führen sollte. Die Bauarbeiten begannen 1937 und wurden 1939 kriegsbedingt eingestellt. Tatsächlich errichtet wurden insgesamt 47 Einzelbauwerke wie Unterführungen und Wasserdurchlässe auf etwa 30 Kilometern zwischen Eckarts und Seifriedsburg. 

In einem gleichnamigen, umfassend bebilderten Buch, das schon in vierter Auflage erschienen ist, beschreibt Dieter Stockmann auf über 200 Seiten das Straßenbaugroßprojekt, das in abgewandelter Form schließlich doch noch 20 Kilometer weiter östlich als A 7 verwirklicht wurde.

Siehe auch www.strecke46.de.


Dieter Stockmann ist Beamter im Landratsamt Main-Spessart. Seine nüchterne und sachliche Ausdrucksweise ist wohl seiner beruflichen Tätigkeit geschuldet. Aber leichte Anzeichen des Triumphs lassen sich heraushören: In der Woche vor Weihnachten hat er den Förderantrag eingereicht; er rechnet fest damit, dass die sogenannte Strecke 46 zwischen Eckarts bei Bad Brückenau und Seifriedsburg bei Gemünden mit Mitteln der Europäischen Union im Laufe dieses Jahres komplett für den Tourismus „aufbereitet“ wird. Neben der klassischen Beschilderung ist demnach vorgesehen, die Interessierten mittels einer kostenlosen App fürs Smartphone zu lotsen und über historische Zusammenhänge aufzuklären. Punktuelles Wissen über die Propaganda der Nationalsozialisten hatte laut Stockmann vor gut 20 Jahren dazu geführt, dieses Vorhaben eines Lehrpfads an der Autobahnruine zu begraben.

Legendenbildung

Während Dieter Stockmann heute für Naturschutz zuständig ist, war er 1997 im Sachgebiet Kommunalrecht eingesetzt. Der damalige Landrat Armin Grein als Vorsitzender des Naturparks Spessart e. V. beauftragte ihn zu prüfen, ob die bis dato wenig bekannten „Steinhaufen“ entlang der Saale für den Fremdenverkehr genutzt werden könnten. Stockmann setzte nach eigenen Worten ein „komplexes dreidimensionales Puzzle“ zusammen. In einem Gemeindearchiv entdeckte er den Titel „Strecke 46“ und forschte fortan unter diesem Stichwort in den Staatsarchiven. „Nach zwei Jahren meinte ich, einen guten Plan zu haben, was man mit den Relikten machen könnte“, erinnert er sich: „Ich stellte die Sache als erstes in Burgsinn dem Marktgemeinderat vor und holte mir eine totale Klatsche.“ Niemand habe mit den Umtrieben der Nazis in Zusammenhang gebracht werden wollen, schließlich hätten die die Autobahnen errichten lassen, um ihr Kriegsgerät blitzschnell zur Front zu bringen. Egal ob diese Darstellung wahr oder, wie sich zeigen sollte, nur eine Legende war – der Landrat stoppte sämtliche Aktivitäten.

Aber der Privatmann Stockmann blieb dran am Thema. Und er war nicht der einzige. Auf den Listen für die Einsichtnahme von Archivalien stieß er immer wieder auf dieselben Namen. Mit diesen Gleichgesinnten gründete er eine Arbeitsgemeinschaft, um die verkehrstechnischen Maßnahmen der Dreißigerjahre zu rekapitulieren und die steinernen Zeugnisse einzuordnen. 1999 trug er seine Erkenntnisse in einem Buch zusammen und bot erstmals eine öffentliche Führung an. „Zig Tausend Leute sind seither gekommen“, resümiert er. Für 2020 sind bereits die Termine 8. März, 17. Mai, 6. September und 10. Oktober fix.

Geführte Touren

Auch die Volkshochschule Lohr-Gemünden lädt regelmäßig zu Exkursionen auf die Strecke 46 ein – abschnittweise zu Fuß und auf voller Länge als Tagestour auf zwei Rädern. Als Guide fungiert kein geringerer als der Gemündener Bürgermeister Jürgen Lippert, ehemals Kollege von Dieter Stockmann in der Kreisbehörde. Im Gegensatz zu diesem, der aus Veitshöchheim einpendelt, war Lippert als gebürtiger Seifriedsburger schon als Kind ständig „auf Tuchfühlung“ mit den Autobahnrelikten. „Das war unser Spielplatz“, sagt der 1966 Geborene und deutet auf eine fast 50 Meter lange, von Bäumen umstandene Röhre im Wald.

Als Kind ist der jetzige Bürgermeister von Gemünden, Jürgen Lippert, beim Spielen mit Freunden immer durch den Wasserdurchlass der „Strecke 46“ im Seifriedburger Wald gekrochen. | Foto: B. Schneider
Fast 50 Meter lang ist die Röhre des Autobahnwasserdurchlasses. Nur für die zwei Fahrbahnen in jede Richtung war eine Gesamtbreite von 28,5 Metern vorgesehen.  | Foto: B. Schneider

„Die Fahrbahnen – zwei Spuren in jede Richtung – sollten insgesamt nur 28,5 Meter breit sein. Die restlichen 20 Meter wurden benötigt für Böschungen und Trennstreifen – bewachsen mit Eichen und Buchen“, schildert Lippert. Und Stockmann räumt ebenfalls mit falschen Vorstellungen auf: „Mit Steigungen bis fast acht Prozent und 90°-Winkel-Kurven war die Strecke nicht gedacht und nicht geeignet für eine Massenmobilisierung oder gar für die Mobilmachung des Heeres. Die Pläne stammen aus den Zwanzigern von Vereinen, die der zunehmend motorisierten ‚Elite’ Wege in die landschaftliche reizvollsten Gegenden des Reiches öffnen wollten.“ Später seien der Warentransport und die schnelle Erreichbarkeit der Wirtschaftszentren in den Vordergrund gerückt worden, weshalb die A 7 nahe bei Schweinfurt verlaufe.

Direkt beim Dorf Seifriedsburg war eine Unterführung der Autobahn geplant. Die entsprechende Baugrube ist mit Wasser vollgelaufen und mit einem Zaun gesichert. Der Weg führt seither darum herum. | Foto: B. Schneider
Unvollendet blieb die Seifriedsburger Unterführung der Reichsautobahn. | Repro: B. schneider
Überführung der MSP 17 zwischen Burgsinn und Gräfendorf. | Foto: Dieter Stockmann

Technikdenkmal

Die Strecke 46 erlangte 2003 den Status eines Technikdenkmals. Gebaut wurde ohne Stahl. Auch standen kaum Maschinen zur Verfügung. Unter den bis zu 500 Arbeitern überwiegend aus dem Frankfurter Raum seien keine KZ-Häftlinge gewesen, betont Gemündens Bürgermeister. „Sein“ Informationspunkt bei Seifriedsburg beleuchtet insbesondere „das Los der Arbeiter“: Teilweise seien die Leute direkt in den Dörfern untergebracht gewesen oder man habe wie bei Wolfsmünster eigens Baracken mit einem damals nicht üblichen Standard, nämlich mit fließend warmen Wasser, errichtet. Dass auch die Verpflegung passte, demonstriert eine Seifriedsburger Gastwirtschaft mit einer üppigen Brotzeitplatte namens „Strecke 46“.

„Das Los der Arbeiter“ ist das Thema des Informationspunktes bei Seifriedsburg. Tafeln mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten säumen das Technikdenkmal – die „Strecke 46“. / Repro: B. Schneider
Für bis zu 220 Bauarbeiter waren die Wohnbaracken im Saaletal bei Wolfsmünster ausgelegt. | Repro: B. Schneider
Waschbecken mit fließend warmem Wasser in den Baracken der Arbeiter war ein für die Dreißigerjahre ungewöhnlich hoher Standard. | Repro: B. Schneider

An weiteren Informationspunkten erfährt man beispielsweise etwas über die Vermessung, die Entwässerungsbauwerke, die Gestaltung der Parkplätze und die besten Aussichten wie eben bei Gössenheim auf die romantisch wirkende Homburg, der zweitgrößten Burgruine Deutschlands. Dieter Stockmann hegt indessen noch den Traum von einem Streckenmuseum. Den Bahnhof Gräfendorf mit Original-Interieur aus den Zwanzigerjahren und extra ertüchtigt zur Unterstützung des Autobahnbaus schätzt er als „Juwel“. Dort befindet sich ein früherer Lokschuppen …

Genau wie Würzburg wurde Gemünden als wichtiger Verkehrsknotenpunkt am 16. März 1945 von britischen Bomben zerstört. Mit Steinen aus dem Materiallager für die nicht fertiggestellte „Strecke 46“ erfolgte der Wiederaufbau der Stadtpfarrkirche. | Repro: B. Schneider

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