Ansinnen des Bettenburger Landschaftsparks nach mehr als 200 Jahren noch topaktuell: Stimulierende Natur- und Kulturkulisse

„Die gütige Natur ermüdet nie, ihre Freunde zu ergötzen.“ Christian Truchseß von Wetzhausen vermerkte diese Erkenntnis. Und zwar am Eingang des Landschaftsparks, den er an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert an der Bettenburg bei Hofheim anlegte. Durch verschiedene Gedenkstätten, darunter Kapellen und Stelen, schuf er eine perfekte romantische Kulisse. Welche Überlegungen der kaiserlich freie Reichsritter seinerzeit anstellte, sollen Besucher ab sofort im Zuge des Projekts „Burgenwinkel-Express“ erfahren – sofern die entsprechenden Führungen in Anbetracht der aktuellen Pandemielage stattfinden dürfen.

„Symbole von Macht und Vergänglichkeit“ – unter diesem Titel hat der in Maroldsweisach ansässige Zweckverband Deutscher Burgenwinkel einen Haßberg-Burgenführer herausgegeben. Autor Joachim Zeune, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Burgenvereinigung und des Kuratoriums des Europäischen Burgeninstituts, nennt die Bettenburg einen „pittoresken Blickfang (…) drei Kilometer nordöstlich von Hofheim“: „Die äußere Erscheinung des Hauptgebäudes mit seinen gestuften Giebeln und dem von einer Welschen Haube gekrönten Treppenturm lässt kein hohes Alter vermuten, scheint vielmehr auf ein Bauwerk der Spätgotik oder der Renaissance zu verweisen. Und doch reicht auch der Baubeginn der Bettenburg in die Jahre kurz nach 1200 zurück, als rundum etliche Burgen (Altenstein, Lichtenstein, Raueneck, Königsberg) entstanden.“ Sie schützten die wichtige Handels- und Heeresstraße zwischen Fulda und Bamberg, den Rennweg. Das Hochstift Bamberg verpfändete die „castra Kunegesperch et Bettenburch“ als Dank für Waffenhilfe an die Grafen von Henneberg. Diese übergaben die Bettenburg 1346 ihren Lehensleuten – den Truchsessen von Wetzhausen. Der Linie der Truchseß von Wetzhausen zu Bundorf gehört sie bis heute. Im Bauernkrieg war die Burg 1525 zerstört worden. Nachdem sie 1535 wiedererrichtet worden war, erfolgte 1627 der gravierendste Umbau. Familienmitglieder der Truchseß bewohnten sie bis 1940. Danach wechselte mehrfach die Nutzung: Landschulheim, Kinderlandverschickungsheim und Altersheim der Stadt Würzburg. In den 1970er-Jahren war die Bettenburg vorübergehend Hotel. Der baden-württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation betreute hier von 1977 bis 2009 Suchtkranke, bis die Einrichtung ins nahe Schloss Eichelsdorf umzog. 2010 wurde die Bettenburg im Innern saniert. Die neuen Pächter betreiben ein Seminar- und Tagungszentrum; Unbefugten ist das Betreten des Burgareals untersagt.

Bis hierher und nicht weiter; wer nicht Seminar- oder Tagungsgast ist, darf das unmittelbare Bettenburg-Gelände nicht betreten.

Ein neuer Freizeitbus chauffiert zwischen Mai und November immer sonn- und feiertags Ausflügler aus dem Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) vom Bahnhof Haßfurt aus durchs „Land der Burgen und Schlösser“ bis nach Ebern und zurück. Wer in Manau aussteigt, aber auch wer individuell anreist, kann nach Anmeldung (siehe „Veranstaltungen“ unter www.hassberge-tourismus.de) mit dem zertifizierten Gartenerlebnisführer Reinhard Schneider durch den Landschaftspark an der Bettenburg streifen. Das rund fünf Hektar umfassende Areal ist insbesondere als Quelle der Inspiration für Kunstschaffende bekannt. Gästeführer Schneider glaubt aber, dass Christian Truchseß mit seinem wohldurchdachten Konzept zuallererst im Sinn hatte, den Menschen Trost zu spenden und ihnen neue Kraft zu verleihen. Eine überaus moderne Auffassung. Sollten doch die Gärten des Adels bis dato vor allem der Repräsentation dienen. Der europäische Kontinent wandelte sich; in Frankreich brach gar eine Revolution los. 

Gartenerlebnisführer Reinhard Schneider verfügt über Aufzeichnungen aus der Entstehungszeit des Bettenburger Landschaftsparks. Im Bundorfer Truchseß-Schloss existiert gar ein Service, das damals von einem Porzellanmaler mit Motiven aus dem Park gestaltet wurde.
Gartenerlebnisführer Reinhard Schneider verfügt über Aufzeichnungen aus der Entstehungszeit des Bettenburger Landschaftsparks. Im Bundorfer Truchseß-Schloss existiert gar ein Service, das damals von einem Porzellanmaler mit Motiven aus dem Park gestaltet wurde.

Was und wer hatten jenen Freiherrn beeinflusst? Am 21. Juni 1755 war er in Schloss Bundorf zur Welt gekommen. Nach dem frühen Tod des Vaters hatte Onkel Christian Gottlob die Vormundschaft übernommen. Der schickte Christian zusammen mit dem fünf Jahre älteren Bruder Adam zunächst nach Gießen, dann nach Leipzig auf höhere Schulen. Wie es für Aristokraten üblich war, durften die beiden auch eine „kleine Kavalierstour“ bis nach Ungarn machen. Dabei wurden sie in Potsdam Friedrich dem Großen und in Wien Kaiser Joseph II. vorgestellt. „Die Gewandtheit, sich in solchen Kreisen zu bewegen, wurde selbstverständlich, doch eine ‚gute Partie’ kam nicht zustande“, notierte das Forscherpaar Silke und Nicolaus Kapp aus dem nahen Altenstein in einer 90-seitigen, dem Geschäftsführer Alexander Blöchl des Zweckverbands Deutscher Burgenwinkel vorliegenden, aber noch unveröffentlichten Abhandlung. 

Offizier und Kirschenbaron

Als Christian 1775 seine bei Kassel verheiratete Schwester Charlotte besuchte, gefiel es ihm dort laut Kapp’schen Recherchen so sehr, dass er in die Dienste des hessischen Landgrafen trat – als Major im Garde du Corps. Er lernte ihn prägende Wissenschaftler und Ökonomen kennen. Unter anderem schloss er Freundschaft mit Hofgärtner August Daniel Schwarzkopf. Dieser war maßgeblich mit der Neubepflanzung der Wilhelmshöhe – heute Weltkulturerbe – betraut, und er betrieb erfolgreich eine Obstbaumschule.

Christian seinerseits konzentrierte sich auf die Kirsche. Er pflanzte, nachdem er noch nicht 33-jährig die militärische Karriere beendet und die Bettenburg als künftigen Wohnsitz gewählt hatte, auf dem Plateau auf knapp 330 Metern Höhe über dem Tal der Nassach ein Forschungsfeld und verfasste ein Standardwerk über die „Systematische Classifikation und Beschreibung der Kirschensorten“. Die Kapps urteilten, der Patriarch habe als „Kirschenbaron“ viel daran gesetzt, die ärmlichen Lebensverhältnisse seiner Bauern zu verbessern. Inmitten derer ließ er sich im Übrigen, als er am 19. Februar 1826 starb, auf dem Friedhof in Manau beisetzen. Von den Angehörigen hatte er erbeten, dass sie sich erst vier Wochen später nicht traurig, sondern mit diesem Abstand fröhlich von ihm verabschieden sollten.

Christian Truchseß von Wetzhausen schuf an der Bettenburg einen Park, in dem sich die Besucher an der Natur erfreuen können, sie durch Skulpturen und kleine Bauwerke die Bedeutung der vergangenen Ritterwelt erfahren sowie „Rastplätze“ zu Besinnung und Gespräch einladen.
Christian Truchseß von Wetzhausen schuf an der Bettenburg einen Park, in dem sich die Besucher an der Natur erfreuen können, sie durch Skulpturen und kleine Bauwerke die Bedeutung der vergangenen Ritterwelt erfahren sowie „Rastplätze“ zu Besinnung und Gespräch einladen.

Charme und Künste

Christian Dietrich Freiherr Truchseß von Wetzhausen zu Bettenburg – so der vollständige Name – war unverheiratet geblieben, wenngleich er sich offensichtlich stets charmant zeigte. Eine Anekdote vom Besuch der Herzogin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen mit ihrer Tochter, der bayerischen Kronprinzessin und späteren Königin Therese, nach der die Münchner Festwiese benannt ist: Gemäß dem Rang hätte er zunächst die Jüngere durchs Tor geleiten müssen. Doch gebührt nicht immer der Mutter der Vortritt? Schließlich hängte sich die eine rechts und die andere links bei ihm ein, und sie schritten zu dritt voran. 

Seine um 1800 gegründete literarische Tafelrunde rührte von seiner Begeisterung für das Mittelalter und die Titelfigur des 1774 uraufgeführten Goethe-Schauspiels „Götz von Berlichingen“. Dem Dichterfürsten durfte er 1801 persönlich begegnen – allerdings nicht auf der Bettenburg, die den Ruf eines „fränkischen Weimar“ errang. Auch Jean Paul, zu dem Ritter Christian regen Briefkontakt in Bayreuth hielt, war wohl nie auf der Burg. Zu den bekanntesten Gästen zählte Gustav Schwab, der berühmte Erzähler klassisch-antiker Sagen. Und auch der in Schweinfurt geborene Lyriker und Orientalist Friedrich Rückert; Christian Truchseß förderte ihn schon als Student, später widmete er ihm im Park ein eigenes „Lusthaus“. Hier endet übrigens nach gut zwei Stunden die Entdeckungstour mit Reinhard Schneider. 

Das Lust- oder Dichterhaus war in erster Linie Friedrich Rückert vorbehalten.
Das Lust- oder Dichterhaus war in erster Linie Friedrich Rückert vorbehalten.

Der Landschaftspark darf ganzjährig bei freiem Eintritt erkundet werden. Ein eigener Wandererparkplatz ist unmittelbar an der Kreisstraße HAS 40 ausgewiesen. Der Gartenerlebnisführer empfängt die Teilnehmer seiner kostenpflichtigen Veranstaltungen allerdings jenseits auf der Anhöhe vor der Burg. Denn hier erinnert eine Stele an die beiden Experten, die Christian Truchseß maßgeblich inspirierten, als er den Landschaftspark von 1789 bis 1811 gestaltete: der bereits erwähnte Kasseler Gartenplaner Schwarzkopf und der Kieler Professor Christian Cay Lorenz Hirschfeld. Letzterer verfasste als erster eine umfassende deutschsprachige Schrift über die „Theorie der Gartenkunst“. Darin favorisiert er einen „sanft-melancholischen Garten“, der dazu anhält, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Und: „Entscheidend ist nicht die Größe, sondern die Vielfalt der Einzelobjekte“, fasst Schneider zusammen. 

Eichen-Hainbuchen-Wald

Über 20 „Rastplätze“ standen einmal zur Verfügung – manche eben nur aus Holz und Stroh zum Beispiel als „Hütte der Genügsamkeit“, sodass sie nicht überdauerten. Aber ebenso gingen steinerne Monumente verloren; größtes Bauwerk war die Margarethenkapelle, die der „Urmutter“ der Truchsesse auf der Bettenburg gewidmet war. Zuletzt waren die acht noch vorhandenen Gebäude und Denkmäler zwischen 1981 und 1991 instandgesetzt und gesichert worden. Sichtachsen müssten erneut freigeschnitten werden, meint Schneider. Er teilt die Stationen auf in den Familien- und den Ritterzyklus – zum einen eine Art Stammbaum und zum anderen die Huldigung einer ehrenhaften Epoche. Dazwischen die „Totenkapelle“ mit einem Seitenweg zum „Denkmal der Auferstehung“ als Hinweis auf die Unsterblichkeit der Seele. Es folgt die „Säule am Scheideweg“; der rechte Weg führt zur Tugend der Mäßigung, der linke zum maßlosen Genuss. Die dominierenden Elemente in diesem Bereich sind die „Alte Burg“ (künstliche Ruine) und der „Minnesängerplatz“ – idealer Ort für ein Waldkonzert; üblicherweise Mitte September. 

Die „Alte Burg“ ist eine künstlich geschaffene Ruine. Um die historische Verbindung zur Bettenburg herzustellen, wurde über dem Torbogen das hennebergische Wappen, der Hahn, angebracht. Außerdem ist im Gemäuer eine burgenkundliche Besonderheit zu finden: eine Brillenscharte.
Die „Alte Burg“ ist eine künstlich geschaffene Ruine. Um die historische Verbindung zur Bettenburg herzustellen, wurde über dem Torbogen das hennebergische Wappen, der Hahn, angebracht. Außerdem ist im Gemäuer eine burgenkundliche Besonderheit zu finden: eine Brillenscharte.
Götz von Berlichingen und Franz von Sickingen galten Christian Truchseß als Inbegriff des Rittertums.
Götz von Berlichingen und Franz von Sickingen galten Christian Truchseß als Inbegriff des Rittertums.
Eines der kunstvollsten Denkmäler im Bettenburger Landschaftspark ist dem großen Humanisten Ulrich von Hutten gewidmet.
Eines der kunstvollsten Denkmäler im Bettenburger Landschaftspark ist dem großen Humanisten Ulrich von Hutten gewidmet.
Auf der Skizze ist zwar „Seckendorff-Capelle” vermerkt, offiziell hieß sie aber Margarethenkapelle. Sie sollte an die „Urmutter” der Bettenburger Truchsesse erinnern - an Margaretha, eine geborene Freiin von Seckendorff, die mit ihrem Mann Dietz Truchseß von Wetzhausen 1420 auf die Bettenburg zog. Die Kapelle gibt es nicht mehr.
Auf der Skizze ist zwar „Seckendorff-Capelle” vermerkt, offiziell hieß sie aber Margarethenkapelle. Sie sollte an die „Urmutter” der Bettenburger Truchsesse erinnern – an Margaretha, eine geborene Freiin von Seckendorff, die mit ihrem Mann Dietz Truchseß von Wetzhausen 1420 auf die Bettenburg zog. Die Kapelle gibt es nicht mehr.
Die baumstammähnliche „Säule der Geschwisterliebe“ trägt auf mit Ketten verbundenen Medaillons die Namen der unmittelbaren Verwandten des Christian Truchseß: Großvater, Vater, Onkels und Tanten, Geschwister und Neffen.
Die baumstammähnliche „Säule der Geschwisterliebe“ trägt auf mit Ketten verbundenen Medaillons die Namen der unmittelbaren Verwandten des Christian Truchseß: Großvater, Vater, Onkels und Tanten, Geschwister und Neffen.
Unter einem Blätterdach, durch das die Sonne bricht, wirkt der Truchseß’sche Stammbaum, als stünde er im Scheinwerferlicht.
Die „Totenkapelle“ war nie nur Zierrat, sondern ein Ort des Gedenkens an Familie und enge Freunde.
Die „Totenkapelle“ war nie nur Zierrat, sondern ein Ort des Gedenkens an Familie und enge Freunde.
Zum Vergleich eine Aufnahme aus dem Sommer mit dichtem Blattwerk.

Stichwort Wald. Traubeneiche und Hainbuche mit Rotbuche im Unterwuchs identifiziert Naturpark-Rangerin Katja Winter als die maßgeblichen Baumarten. Als Frühjahrsblüher auf dem Schilfsandsteinboden listet sie unter anderem das Buschwindröschen, den Hohlen Lerchensporn, das Waldbingelkraut, das Kleine Immergrün, die Große Sternmiere und die Schattensegge auf. Der Platanenblättrige Hahnenfuß gilt als seltenste hier wachsende Art. 

Die Rangerin sieht sich im Naturpark Haßberge mit einer Fläche von mehr als 800 Quadratkilometern, die sich über vier Landkreise erstrecken, als Mittlerin zwischen Mensch und Natur sowie als Vermittlerin einer kulturellen Vielfalt. Auch sie bietet Erlebnisführungen (siehe „Ranger-Jahresprogramm“ unter www.naturpark-hassberge.de); ihre nächste im Landschaftspark an der Bettenburg am 25. Juli will sie gemeinsam mit Reinhard Schneider bestreiten.

Gefingerter Lerchensporn.
Gefingerter Lerchensporn.
Waldgelbstern.
Waldgelbstern.

| Repros (2): S. und N. Kapp / Fotos (14): B. Schneider

Eine Antwort auf „Ansinnen des Bettenburger Landschaftsparks nach mehr als 200 Jahren noch topaktuell: Stimulierende Natur- und Kulturkulisse“

  1. Danke für diesen Bericht. Ein umfangreicher Einblick in einen bayerischen Gartenschatz und die Gartenkunst im Herzen der Haßberge. Ich denke gern an unseren gemeinsamen Ausflug durch den Landschaftspark Bettenburg zurück.

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