Eiserne Weihnacht

Hermann Amrhein gestaltete 1969 eine Gussplatte als Krippe

Vor 50 Jahren, zu Weihnachten 1969, machte der Lohrer Unternehmer Alfred Rexroth (1899–1978) leitenden Angestellten und ausgewählten Kunden ein besonderes Geschenk: eine von dem über Franken hinaus angesehenen Bildhauer Hermann Amrhein gestaltete Eisengussplatte mit dem Krippenmotiv. Maria wiegt das Jesuskind in ihren Armen, Joseph leuchtet ihnen mit der Laterne, und Ochs und Esel schnauben ihnen ihren warmen Atem zu; die Szene rahmt der Verkündigungsengel mit weit ausladenden Flügeln ein.

Auf Anregung von Alfred Rexroth gestaltete Hermann Amrhein vor 50 Jahren eine Eisengusskrippe. 	| Foto: B. Schneider
Auf Anregung von Alfred Rexroth gestaltete Hermann Amrhein vor 50 Jahren eine Eisengusskrippe. | Foto: B. Schneider

Frei entworfen habe ihr Vater alle Figuren, weiß Tochter Monika Amrhein. Für den alles überspannenden Engel nimmt sie allerdings die geistige Urheberschaft für sich in Anspruch. Da habe er sich an einer ihrer Grafiken angelehnt. In Würzburg hatte sie die Kunst- und Handwerkerschule besucht und einige Zeit in der Gebrauchswerbung gearbeitet, ehe sie – wie sie sagt – ihre „eigentliche Berufung“ fand: Sie absolvierte eine anthroposophisch-heilpädagogische Ausbildung und wurde in Waldorfschulen tätig. Jetzt mit 78 Jahren, ein Jahr jünger als ihr Vater bei seinem Tod 1980, lebt sie in einem Seniorenwohnheim bei Pforzheim. Sie erinnert sich: „Die Anregung, gusseiserne Weihnachtskrippen als Reliefs herzustellen, kam damals von Firmenchef Alfred Rexroth selbst. Sie wurden unterschiedlich groß umgesetzt.“ Das Original hat etwa das Format eines DIN-A3-Bogens. Und welche Maße hat die „geschrumpfte“ Version? Welche Auflage? Welche Materialzusammensetzung? Im Archiv der heutigen Bosch Rexroth AG gibt es darüber laut Unternehmenssprecherin Judith Mühlich keine Aufzeichnungen.  

Heilige auf Ofenplatten

Mit dem Tod des letzten Patriarchen Georg Ludwig Rexroth (1902–1992), der allerdings schon 20 Jahre vorher aus der Geschäftsführung ausgeschieden war, endete wohl die Tradition, zu herausragenden Anlässen Bilder aus Gusseisen zu verschenken. Insbesondere Heilige beziehungsweise biblische Ereignisse wurden bevorzugt auf Kamin- und Ofenplatten dargestellt – lange bevor die „Rexröther“ welche produzierten. Auf diese Weise hatten die Menschen Gottes Wort und Werk immer vor Augen. „Der Platz am Ofen war stets Mittelpunkt und Kommunikationszentrum jedes Hauswesens“, schrieb 1993 die Volkskundlerin Barbara Grimm in ihrer frühen Zeit im Spessartmuseum, das sie inzwischen leitet, über die im Rittersaal des Lohrer Schlosses hängende Sammlung von 163 historischen Gussplatten des Kommerzienrats Adolf Rexroth (1867–1938). Die ältesten, beispielsweise die „Hochzeit zu Kana“ und „Judith mit dem Haupt des Holofernes“, sind auf das Ende des 16. Jahrhunderts datiert. 1795, als die aus dem Odenwald stammenden Rexroths den Höllhammer im Elsavatal unterhalb von Mespelbrunn gründeten, gilt als Beginn eines sagenhaften wirtschaftlichen Aufstiegs bis zur Weltmarktführerschaft auf dem Gebiet der Hydraulik.

In Lohr ist die Firma Rexroth – zunächst als Eisenwerk – seit 1850 ansässig. Einer auswärtigen Begegnung bedurfte es, um zu merken, dass die beiden Lohrer Alfred Rexroth und der gebürtige Bäckersohn Hermann Amrhein in künstlerischer Hinsicht gleich „tickten“.

Hermann Amrhein – eine Aufnahme von 1969.
Hermann Amrhein – eine Aufnahme von 1969.

Der versierteste Künstler

Dr. Leonhard Tomczyk, im Team des Spessartmuseums der Experte für den heimischen Kunstbetrieb bis in die Gegenwart, hat 2004 im Band 23 des „Aschaffenburger Jahrbuchs für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes“ Leben und Schaffen des „vielseitig begabten“ Hermann Amrhein nachgezeichnet und bewertet: „Von allen, nicht nur in Lohr, sondern auch im Spessart im 20. Jahrhundert tätigen Künstlern (…) war wohl keiner gleichzeitig im Bereich der Ton-, Eisen- und Holzplastik, der Zeichnung und der Innenarchitektur vergleichsweise versiert wie Hermann Amrhein. 1948 schrieb Amrhein auch einen Roman, eine Autobiographie sowie Gedichte, die unter dem Titel ‚Die Perlenkette’ zusammengefasst wurden.“

Dr. Tomczk weiter: „Das Gesamtwerk Hermann Amrheins lässt sich nicht mit einem Satz beschreiben oder in eine bestimmte Stil-Schublade einordnen. Seine Werke zeigen eine Entwicklung vom Jugendstil über realistischen Klassizismus, Art-Deco-Manier bis hin zur expressiven Schlichtheit der Form. (…) Am meisten beeinflusst wurde Amrhein jedoch von Rudolf Steiner (1861–1925), der in seinen anthroposophischen Kunstansichten sich wiederum stark von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) inspirieren ließ.“ Mit dem Schweizer Architekten und Bildhauer Paul Bay (1891–1952), dessen Bauhütte in Stuttgart Amrhein nach seiner Schreinerlehre ab 1922 für drei Jahre besuchte, reiste er auch nach Dornach ans Goetheanum. Auf einer Tagung der Anthroposophischen Gesellschaft lernte er unter anderem den Industriellen, später Kunstförderer und selbst Künstler, Alfred Rexroth kennen. Ihr Gestaltungsgrundsatz war, die in der Natur steckenden Kräfte und deren Verlauf zu erfassen, nachzuempfinden und in der aus dem Material entstehenden Figur zum Ausdruck zu bringen. 


Der ewige Kreislauf

Hermann Amrhein selbst äußerte sich zu seiner Kunst 1928 folgendermaßen: „Nur in unserer Zeit konnte es geschehen, dass ein großer Teil der Menschheit nichts anderes mehr in der Kunst sehen will als eine Illustration des Sinnlichen. Währenddessen das wahre Wesen der Kunst die Offenbarung des Sinnlich-Übersinnlichen ist, das ohne die Kunst dem Menschen verborgen bleiben müsste. So wie die Kälte das Wasser zu Eis verfestigt und die Wärme diese Verfestigung wieder auflöst, (…) so bringt die Kunst Geistiges bis ins Irdische verdichtet dem Menschen zur Offenbarung, so löst die Kunst wieder verfestigtes Irdisches auf und gibt es seinem Ursprung zurück – und so versinnbildlicht sie den ewigen Kreislauf.“


1928 an der Kunstakademie in Berlin, wo Amrhein sich vor allem Techniken zur Bearbeitung von Gips, Ton und Bronze aneignete, riet man ihm vom ordentlichen Studium ab, „weil dies nur seinem natürlichen Stil schaden würde“. Er kehrte zurück und beteiligte sich regelmäßig an Ausstellungen – unter anderem in Würzburg, Nürnberg und München. Vielbeachtet waren seine zahlreichen Frauenplastiken; Angela Seufert, Tochter eines Lehrers, die er 1934 heiratete, stand ihm dafür oft Modell. 1927 hatte er die „nährende Mutter“ an den preußischen Staat verkauft. Aufträge erhielt er sowohl von Privatpersonen als auch von der Kirche und der Stadt Lohr. 

Das Ateliergebäude von Hermann Amrhein ist das einzige im Bauhausstil in der Lohrer Altstadt. Da der Bildhauer der Meinung war, dass man in einer Kleinstadt vom Verkauf von Kunstwerken allein nicht leben könne, hatte er aus Worpswede die Idee mitgebracht, den Galeriebetrieb mit einem Kaffeehaus zu verbinden. Das Bezirksamt verweigerte die Genehmigung. Amrhein baute um: Bis 1965 war hier das LoLi – das Lohrer Lichtspielhaus. | Foto: B. Schneider
Das Ateliergebäude von Hermann Amrhein ist das einzige im Bauhausstil in der Lohrer Altstadt. Da der Bildhauer der Meinung war, dass man in einer Kleinstadt vom Verkauf von Kunstwerken allein nicht leben könne, hatte er aus Worpswede die Idee mitgebracht, den Galeriebetrieb mit einem Kaffeehaus zu verbinden. Das Bezirksamt verweigerte die Genehmigung. Amrhein baute um: Bis 1965 war hier das LoLi – das Lohrer Lichtspielhaus. | Foto: B. Schneider

Von virtuoser Reife

Dr. Tomczyk urteilt: „Auffallend ist, dass Amrheins beste und kreativste Zeit die vor 1934 war.“ Nach Kriegsdienst ab 1940 und Gefangenschaft bis 1945 nahmen seine Aktivitäten deutlich ab, was auch seiner Asthmaerkrankung geschuldet war. „In den späten 1960ern und den frühen 1970ern ist in seiner Tätigkeit erneut ein von virtuoser Reife gekennzeichneter Aufschwung zu beobachten“, stellt der Kritiker fest.

Seit November 1969 steht Hermann Amrheins „barmherziger Samariter“ vor dem Lohrer Kreiskrankenhaus. |	Foto: B. Schneider
Seit November 1969 steht Hermann Amrheins „barmherziger Samariter“ vor dem Lohrer Kreiskrankenhaus. | Foto: B. Schneider

Im gleichen Jahr, in dem die weihnachtlichen Eisengussplatten entstanden, erhielt das sechs Jahre zuvor bezogene neue Lohrer Kreiskrankenhaus durch Hermann Amrhein einen künstlerischen Akzent: einen zweieinhalb Meter hohen und fünf Tonnen schweren „barmherzigen Samariter“ aus Muschelkalk. Das Foto von der Übergabe zierte 2017 eine Hermann-Amrhein-Schau, bevor Tochter Monika den Nachlass dem Spessartmuseum überließ und aus ihrer Heimatstadt wegzog. Sie ist sich sicher, dass ihr Vater mit seinem Werken in vielen fränkischen Häusern noch präsent ist: „Madonnen, Kruzifixe und Krippen waren immer gefragt.“ Die umfangreichste Krippe habe er für die Lohrer Kapuziner gefertigt. Nach der Auflösung des Klosters sei sie nach Aschaffenburg gebracht worden. 1977 wurde sie letztmals gezeigt. Danach verliert sich die Spur. – Sachdienliche Hinweise erbeten. 

Krippenfiguren fertigte Hermann Amrhein vielfach. |	Repros: Leonhard Tomczyk
Krippenfiguren fertigte Hermann Amrhein vielfach. | Repros: Leonhard Tomczyk

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