„Flamme empor!“

Die Sommersonnenwende steht bevor. Das Ereignis spielt sich nahe am Johannistag, dem 24. Juni, ab. Deshalb ist meist vom Johannisfeuer die Rede, das zu diesem Anlass abgebrannt wird. Im westlichen Unterfranken heißt es Kannsfeuer. Am Samstag, 18. Juni 2022, sollen die Flammen wieder lodern auf dem der Stadt Lohr gegenüberliegenden Sendelbacher Mainufer. Vor 100 Jahren wurde ein neues Ritual eingeführt.

Der verlorene Erste Weltkrieg (1914-1918) und das als demütigend empfundene Verhalten der Siegermächte (vor allem der Franzosen) hatte in Deutschland eine neue national-bodenständige und intensive vaterlandsorientierte Ausrichtung zur Folge. Nun wurden alte germanisch-deutsche Sitten und Bräuche neu belebt. Dazu gehörte die Sonnwendfeier beziehungsweise das Kannsfeuer am Johannistag, abgeleitet aus der germanischen Sonnwendfeier – also ein ursprünglich heidnisches Fest.

Kannsfeuer hatte es auch vor dem Ersten Weltkrieg gegeben. Im Grunde handelte es sich bei den Kannsfeuern lediglich um ein geselliges Beisammensein mit Volksfestcharakter. Schulbuben jeden Alters durchzogen einige Tage vor dem Johannistag mit einem Handkarren die Straßen und Gassen und sammelten Holz. Dieses wurde um eine aufgerichtete hohe Stange aufgeschichtet und dort ohne jede Zeremonie und ohne jeden Sinn, aber mit viel Geschrei angebrannt. Zumeist geschah dies auch noch viel zu früh. Seit der Johannistag nicht mehr als Feiertag galt, hielt man sich nicht einmal mehr an diesen bestimmten Tag. So kam es vor, dass die Ziegelhütter ihr Kannsfeuer am 23. Juni, die Fischergässler am 24. und die Luitpoldheimer aber am folgenden Sonntag anzündeten.

Motto: Schlicht und volkstümlich

Daher gründeten Franz Schäfer, Cornel Schmitt, Dr. Hans Hönlein, Nikolaus Fey und Philipp Hahmann, die damaligen Lohrer Kulturgestalter, am 26. Februar 1922 einen „Sonnwendausschuß“ zwecks Gestaltung einer schönen und einheitlichen Sonnwendfeier. Jeder der Genannten sollte dazu einen Entwurf einbringen und schließlich wurde dem Motto „Schlicht und volkstümlich“ von Cornel Schmitt, Leiter der Lohrer Präparandenschule, der Vorzug gegeben. Diese Initiative fand in Lohr großen Anklang, sodass sich die Arbeitsgemeinschaft für Volksbildung als Träger der Sonnwendfeier bereiterklärte und die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung stellte.

Nach langen Vorbereitungen, bei denen Cornel Schmitt für Gesänge, Tänze und Musik, Nikolaus Fey für den poetischen und schriftstellerischen Teil verantwortlich zeichneten, wurde die Sonnwendfeier am 24. Juni 1922 zu einem großen Erfolg. So berichtete die Lohrer Zeitung zwei Tage später: „Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, belebten sich die Straßen Lohrs. Aus allen Winkeln tauchte naturgeschmückte Jugend auf, die der oberen Stadt zueilte. Um neun Uhr vollzog sich der Sonnwendaufmarsch. Es war ein prächtiges Bild: Dieser Zug mit den Girlanden tragenden Mädchen, den Knaben mit ihrer Strohpuppe und ihrem geschmückten Wagen, ihren umkränzten Laternen, dem ganzen fröhlichen Jungvolk mit seinen Symbolen der grünenden in Höhezeit stehenden Natur. Mit einem Marschlied wird durch die dichtgedrängten Zuschauer an den Main marschiert, wo schon eine größere Menschenmenge des Kommenden harrt. Nur ein Augenblick und schon steht der Holzstoß in Flammen. Flamme empor! Ihr gilt alle Aufmerksamkeit und der Feuerweihspruch, gesprochen von Herrn Fey, will sich nur schwer durchringen. Auch der Karusselltanz der Knaben wird ein Opfer der weittragenden Glut. Aber die Macht bricht sich langsam und nun kommen die Vorführungen besser zur Geltung. Es reiht sich Reigen an Reigen, einer lieblicher als der andere; keine modernen Hupfiaden, einfache sinnige Bewegungen im Takte lieblicher Volksgesänge. Noch einmal dringt durch die erleuchtete Nacht die Stimme eines Rufers. Mir kam es vor, als sei Johannes erschienen im einfachen Wüstenkleid und rufe den Menschen ins Herz: Rüstet euch zur Umkehr, schafft allen Unrat aus euch, laßt Liebe ein! Wen das nicht bewegte, der mußte von Stein sein. Und dann flogen die Strohkränze in das Feuer. Es lag ein Schwur in dieser Tat: Hinweg alles Falsche, Kleinliche, Neidische, Garstige von uns, es verbrenne in den Flammen des Sonnwendfeuers. Und als der Strohmann ein Opfer der Flammen wurde, da wars als sei ein Stück Not unserer Zeit verbrannt worden. In dem Wort, das ich hörte: Hinein mit dem Kerl! lag etwas von verhaltener Wut über das Elend unserer Tage, das man gerne mit der Strohpuppe verbrannt hätte. Das Feuer war zusammengebrochen; düsterer wurden die Menschenschatten umher. Da wurde der Geist noch einmal Jahrhunderte zurückgetrieben, als junge Paare den Feuersprung wagten. Wir konnten uns hineindenken in die Lage derer, die einst vom gelungenen Sprung Glück verhießen bekamen. Ade zur guten Nacht, jetzt wird der Schluß gemacht. Die Menschenmenge bewegte sich in die Stadt, wo feierlich ein altes Kirchenlied vom Turme herniederscholl. Die Stimmung war andächtig und Hunderte sangen das Lied mit. Eine Feier, selten in ihrer Art, war zu Ende.“

In der ganzen Umgebung einheitlich

Doch nicht nur die Veranstaltung selbst war beeindruckend geraten, dem Sonnwendausschuss war es auch gelungen, alle Feuer der Umgebung einheitlich zu organisieren, sodass sie gleichzeitig mit dem Hauptfeuer in Lohr angezündet wurden, was die feierliche Wirkung noch verstärkte. Auch in den folgenden Jahren wurde das Lohrer Kannsfeuer in dieser aufwändigen Weise begangen.

„Sonnenwende 1926“, Aufstellung der Sackenbacher Jugend
„Sonnenwende 1926“, Aufstellung der Sackenbacher Jugend
Lohrer Jugend um 1936 vor dem Abmarsch zur Sonnwendfeier mit der Strohpuppe, die während der Feier verbrannt wurde als symbolhaft für alles, was „deutschen Ruf entehrt“.
Lohrer Jugend um 1936 vor dem Abmarsch zur Sonnwendfeier mit der Strohpuppe, die während der Feier verbrannt wurde als symbolhaft für alles, was „deutschen Ruf entehrt“.

Wie leicht sich ein solches Fest auch politisch instrumentalisieren ließ, wurde nach der Machtergreifung der Nazis deutlich. Schon die „Zugsordnung“ für die Lohrer Sonnwendfeier 1933 zeigte, unter welchem Aspekt das Kannsfeuer in Zukunft zu gestalten war: Am Anfang marschierte der Fahnenträger mit Hakenkreuzfahne, dem sich Lohrer SA-Männer in Uniform anschlossen. Den Abschluss der zwölf Gruppen bildete eine Formation der Lohrer SS, natürlich auch in Uniform. Ganz auf religiöse Attribute wollten die Nazis zu dieser Zeit noch nicht verzichten, und so erklang als Schlusschoral vom Stadtturm das Lied „Johannes auserkoren“.

„Vorbildliche deutsche Sonnwendfeier“

Bemerkenswert ist wohl auch, was Heimatdichter Nikolaus Fey in der Festschrift zur 600-Jahrfeier der Stadt Lohr 1936 zum Thema „Kannsfeuer“ schrieb: „Das Lohrer Kannsfeuer mit dem Symbolspiel vom Geist des deutschen Waldes, mit den Symbolhandlungen von der Umführung des Pfluges, der Verbrennung der Strohpuppe und der Strohkränze, dem Feuerweih- und dem Sonnwendspruch, mit Reigen, Lied und Feuersprung kann als vorbildliche deutsche Sonnwendfeier angesprochen werden und Aufgabe der Jugend wird es sein, ‘ihr Kannsfeuer’, so wie es ist, in die Zukunft zu tragen, mit Stolz um so mehr, als in Lohr die deutsche Sonnwendfeier, so wie sie unsere Zeit fordert, schon länger als ein Jahrzehnt dem Aufflammen in Deutschland vorausloderte.“ Dieser letzte Satz zeigt deutlich den bedenklichen Aspekt solcher „völkischer“ Traditionen, da auf ihnen die Ideologie des Dritten Reiches aufbaute und auf diese Weise die Volksmassen begeistert wurden.

Bleibt noch zu erwähnen, dass die Nazis auch ein „Wintersonnenwendfeuer“ eingeführt hatten, das aber anscheinend nur für Parteimitglieder gedacht war. Darüber berichtet ein Artikel der Lohrer Zeitung am 22. Dezember 1938 unter der Überschrift „Hell erglüht der Glaube an der Schwelle zum Licht – Lohrs Parteiträger hatten sich um das Wintersonnenwendfeuer geschart“: „Und wieder stand man am flammenden Holzstoß, der am Bergeshang über unserer Stadt entfacht wurde. Sein leuchtender Schein strahlte weit hinaus in das Helldunkel der prächtigen Winternacht. Eine Stunde tiefsten Erinnerns, ein Augenblick des Rastens, des Rück- und Vorwärtsschauens und des Besinnens war es. Mahnende, aufrichtende und richtungsweisende Worte sprach Kreisleiter Hedler. Er sprach von der Kraft der Heimat, die uns, die wir an sie glauben, zu starken, kampf- und opferbereiten Menschen mache, die uns zum Sieger werden läßt über artfremden Ungeist, der uns einmal, als uns der Glaube an die Kraft der Heimat fehlte, zu übermannen drohte. Von deutscher Art, von deutschem Wesen und deutscher Frömmigkeit sprach er und gab damit der nächtlichen Feierstunde etwas besonders Weihevolles. (…) Dann aber flammten die Fackeln auf und hinunter in die Stadt und durch die Straßen ging ein festlicher Zug, der allen verkündete: Wintersonnenwende ist es; unser Weg geht nun weiter mit dem aufsteigenden Licht.“ – Ob wohl damals jemand ahnte, wo dieser „Weg“ endete?

|  Bert und Eduard Stenger (anhand von Material aus dem Lohrer Schulmuseum)

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