Werneck – in seiner 800-jährigen Geschichte immer wieder neuen Aufschwung genommen

Werneck erinnert heuer an die 800. Wiederkehr seiner Ersterwähnung. Der Historische Verein Markt Werneck e. V.  hat hierzu eine sechsbändige Chronik zu je 100 Seiten aufgelegt. Mit dem Vorsitzenden Bernd Göbel durch den Ort und den Schlosspark zu spazieren, gleicht einer Zeitreise mit lauter traumhaften Etappen und manchem Superlativ. Beispielsweise, dass hier bezogen auf die Gesamtbevölkerungszahl von etwa 10 000 wohl die deutschlandweit höchste medizinische Versorgungsdichte herrscht.

Bernd Göbel, Vorsitzender des Historischen Vereins Markt Werneck e. V., kennt die Geschichte seiner Heimatgemeinde wie kein anderer.
Bernd Göbel, Vorsitzender des Historischen Vereins Markt Werneck e. V., kennt die Geschichte seiner Heimatgemeinde wie kein anderer.

Bernd Göbel spricht von „dreieinhalb bis vier“ Kliniken – allesamt mit ausgezeichneter Reputation. Der pensionierte Lehrer schließt in seiner Liste das Ärztehaus auf dem Balthasar-Neumann-Platz mitten in Werneck mit ein; die Webadresse lautet „Praxisklinik-Werneck.de“.

Zunächst muss eigentlich in der Reihe die psychiatrische Klinik genannt werden. Mitte des 19. Jahrhunderts schon etablierte sie der junge Nervenarzt Bernhard von Gudden im beziehungsweise am ehemals fürstbischöflichen Schloss als Kreisirrenanstalt. Traurige Berühmtheit erlangte Gudden, weil er mit seinem prominentesten Patienten, Bayerns Märchenkönig Ludwig II., im Starnberger See unter nie geklärten Umständen starb.

Promi-Geburtsort

Zusätzlich zur Psychiatrie betreibt der Bezirk Unterfranken eine hoch spezialisierte Orthopädie. Und schließlich besteht noch ein Allgemeines Gemeindekrankenhaus. Dieses verfügt – am Ende des Zweiten Weltkriegs (1944) als Geburtsstation gegründet – allerdings über genau jenen Bereich nicht mehr. Somit ist’s eine nostalgische Schau, wenn im Rathausfoyer derzeit unter dem Titel „Geboren in Werneck“ Persönlichkeiten aus Sport, Politik und Wirtschaft präsentiert werden, die im hiesigen Spital das Licht der Welt erblickten. Zu diesen gehört unter anderem die neue bayerische Kultusministerin Anna Stolz aus Arnstein.

Durch die Eingemeindungen während der Verwaltungsgebietsreform im Freistaat vor 50 Jahren ist der Markt Werneck um zwölf Gemeindeteile kräftig gewachsen. Ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner, also etwa 2500, leben im Kern- oder Hauptort. Der verdankt seinen Namen dem Flüsschen Wern. Sie entspringt bei Pfersdorf nordwestlich von Schweinfurt und mündet nach gut 70 Kilometern in Wernfeld nahe Gemünden in den Main. „In Werneck wurde sie 1750 in ihr heutiges Bett vor dem Eingang zum Schloss verlegt“, weiß der Heimatforscher Göbel.

Bluttat gesühnt

Ursprünglich plätscherte die Wern, wo sich jetzt der Schlosspark erstreckt. Sie speiste den Burggraben. Ja, Burg. Mit selbiger hängt das diesjährige Jubiläum zusammen. Auch wenn uralte Siedlungsspuren bei Werneck existieren, stammt doch das früheste schriftliche Zeugnis erst von 1223. Papst Honorius III. bestätigte, dass Bodo von Ravensburg seine Burg Werneck dem Deutschen Orden geschenkt und damit eine Bluttat seiner Familie gesühnt hat.

Vielleicht schon eine Vorahnung auf die spätere Bedeutung des Standorts? Die Ordensritter hatten sich der Hospitalität, also der Pflege von Kranken beziehungsweise Verletzten, verschrieben. Der Wernecker Besitz fiel letztlich jedoch ans Hochstift Würzburg. Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn ließ 1576 ab Schnackenwerth einen zweiten etwa sechs Kilometer langen Flussarm graben – die sogenannte Mühlenwern. Diese sollte Mühlräder in Ettleben und Werneck antreiben.

Einst wurde ein eigener Flussarm der Wern für den Antrieb der Mühlen gegraben, aber nach 360 Jahren wieder zugeschüttet, denn der Fortschritt bescherte ja die elektrische Energie.
Einst wurde ein eigener Flussarm der Wern für den Antrieb der Mühlen gegraben, aber nach 360 Jahren wieder zugeschüttet, denn der Fortschritt bescherte ja die elektrische Energie.

Von 1920 bis 1935 war gar eine mächtige Wasserstraße auf Wernecker Gemarkung in Planung. Bernd Göbel erzählt, er ernte nur ungläubiges Kopfschütteln, wenn er davon berichte. Der Main-Donau-Kanal sollte eine Abkürzung durchs Werntal nehmen. Die großen Städte der Region wären abgehängt gewesen. Das durfte nicht sein.

Auf dem Trockenen

1936 buddelte dann der Reicharbeitsdienst. Er begradigte die Wern. Außerdem legte er die Mühlenwern still und verfüllte sie. Dumm, dass dadurch ein kurz zuvor voller Begeisterung eröffnetes Freibad förmlich auf dem Trockenen saß. Immerhin konnte in der Mühle weiterhin Korn gemahlen werden, weil ihr der Fortschritt die elektrische Energie bescherte. 150 Jahre vorher war die mit Wasserkraft arbeitende Mühle erneuert worden, denn die erste von 1592 war „bis auf den letzten Stumpf“ abgebrannt.

Feuer besiegelte 1723 auch das Schicksal der Wernecker Burg. Sie zu renovieren, zog sich hin, bis sich nach zehn Jahren Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn für einen neuen Fasanengarten entschied. 1740 musste Baumeister Balthasar Neumann den Plan ändern zugunsten einer Vierflügelanlage mit Pentagramm. Die wenigsten der rund 140 Räume des Jagd- und sommerlichen Lustschlosses nutzte der Landesherr selbst.

Das Schicksal des Marktes Werneck war und ist eng mit dem des Schlosses verbunden.
Das Schicksal des Marktes Werneck war und ist eng mit dem des Schlosses verbunden.

Aus Gründen der Symmetrie ließ der geniale Architekt sogar einen zweiten Turm als Gegenstück zu dem der Schlosskirche aufmauern. Die Kirche selbst – nicht mehr im reinen Stil des Barock, sondern mit Elementen des Rokoko – hat zwar einen rechteckigen Grundriss; durch vorgezogene Säulen wirkt der Raum aber wie eine Rotunde.

Die Schlosskirche hat zwar einen rechteckigen Grundriss. Baumeister Balthasar Neumann schaffte es aber, dass der Kirchenraum wie eine Rundbau wirkt.
Die Schlosskirche hat zwar einen rechteckigen Grundriss. Baumeister Balthasar Neumann schaffte es aber, dass der Kirchenraum wie eine Rundbau wirkt.

Baulich tat sich nun 100 Jahre lang wenig. Chronist Göbel verwendet gar das Wort „Dornröschenschlaf“. Lediglich der Amtskeller gönnte sich 1774 ein stattliches Bauwerk. Darin war zugleich das Centgericht untergebracht. Nach der Säkularisation war es zunächst der Sitz eines Landgerichts und noch bis 1933 eines Amtsgerichts. 1969 wurde das ehemalige Amtskellerhaus abgerissen. Anderen Gebäuden mit einst wichtigen Funktionen blieb derlei ebenso wenig erspart.

Mehrere Kirchen

Im riesigen Fruchtspeicher von 1628, dem nach Göbels jüngsten Recherchen derselbe Plan wie dem in Stadtlauringen zugrunde lag, befand sich ein kleiner Raum, um Gemeindegottesdienste zu feiern. Ein neuer Trakt für Guddens florierende Reformpsychiatrie, in der die Betreuten nicht angebunden, sondern mit vielerlei Aufgaben beschäftigt wurden, entstand aus Steinen des Speichers. Was vom Speicher stehen blieb, wurde zur katholischen Dorfkirche umgerüstet.

Anstaltsdirektor Gudden erwirkte für seine evangelische Frau und deren Glaubensgeschwister, dass sie in der Schlosskirche zusammenkommen konnten. Aber sie durften deren Glocken nicht läuten. „So geschah es, dass sie sich um den Jahrhundertwechsel einige Meter die Wern aufwärts einen eigenen freistehenden Glockenturm bauten“, erklärt Göbel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten aus den verlorenen Ostgebieten vor allem viele Katholiken in die Marktgemeinde Werneck. Ein größeres Gotteshaus mit Pfarrheim wurde an anderer Stelle errichtet und das nicht mehr benötigte 1968 abgebrochen.

Warum ist der katholische Kirchturm in Werneck so modern und der evangelische so traditionell gestaltet? Mit wachsender Zahl an Gläubigen leisteten sich die Katholiken immer wieder neue Gotteshäuser. Den evangelischen Christen wurde zwar erlaubt, die Schlosskirche zu nutzen, aber nicht deren Glocken zu läuten; also wurde um 1900 ein zusätzlicher freistehender Glockenturm errichtet.
Warum ist der katholische Kirchturm in Werneck so modern und der evangelische so traditionell gestaltet? Mit wachsender Zahl an Gläubigen leisteten sich die Katholiken immer wieder neue Gotteshäuser. Den evangelischen Christen wurde zwar erlaubt, die Schlosskirche zu nutzen, aber nicht deren Glocken zu läuten; also wurde um 1900 ein zusätzlicher freistehender Glockenturm errichtet.

Historische Aufnahmen

Infotafel, die im Hinblick auf die 800-Jahr-Feierlichkeiten aufgestellt wurden, öffnen dank zahlreicher hier abgebildeter historischer Fotos und Karten Türen zur Vergangenheit: Gegenüber des Schlosses waren insbesondere Handwerker ansässig, sie sicherten die Grundversorgung der Menschen. Im Haus Nummer 1 direkt an der Ecke war demnach eine Schlachterei, ab 1800 zusätzlich eine Garküche. 1849 kaufte ein Unterpleichfelder das Anwesen und machte daraus eine Poststation mit Gaststätte und Übernachtungsbetrieb. Heute heißen Gasthof und Hotel „Krone-Post“.

Ins Reich der Fantasie verbannt Bernd Göbel die Annahme, der Wernecker Posthalter habe aus Angst um seine Einnahmen verhindert, dass die Bahnstrecke Würzburg-Schweinfurt den Marktflecken streift. Der Geschichtsschreiber ist sich sicher, dass die Steigung des Geländes der Grund ist, weshalb der Zug im nahen Waigolshausen hält. Wem als Reisenden mit öffentlichen Verkehrsmitteln der halbstündige Fußmarsch nach Werneck gerade zum Warmlaufen taugt, kann sich weiter verlustieren auf rund 15 Kilometern Wegen im Schlosspark.

Einer der Höhepunkte im Jahreslauf des Marktes Werneck ist das Schlossparkfest am letzten Wochenende im Juli. Heuer führten hier zahlreiche royale Models mit viel Charme Landhausmode vor.
Einer der Höhepunkte im Jahreslauf des Marktes Werneck ist das Schlossparkfest am letzten Wochenende im Juli. Heuer führten hier zahlreiche royale Models mit viel Charme Landhausmode vor.

Im Ort lohnt sich auch ein Bummel durch den Hahnenhof, dem Arbeiterviertel. Etliche jüdische Familien wohnten nachweislich seit 1677 hier beim seinerzeitigen Markttor. Wernecks Juden verdienten ihren Unterhalt meist als Händler. Ihre israelitische Schule umfasste zwei, in den 1970er-Jahren beseitigte Gebäude: die Synagoge, in der auch der Unterricht stattfand und der Lehrer eine Wohnung hatte, sowie das Haus mit der Mikwe, dem Ritualbad. 1904 wanderten die letzten Wernecker Juden nach Würzburg und Schweinfurt ab. Trotzdem kam es während der Herrschaft der Nationalsozialisten zu Deportationen in Werneck. Betroffen waren psychisch Kranke. Dieses dunkle Kapitel gehört ebenso zum Rückblick auf die vergangenen 800 Jahre.

| Fotos: Bernhard Schneider

Eine Antwort auf „Werneck – in seiner 800-jährigen Geschichte immer wieder neuen Aufschwung genommen“

  1. Ich habe mit Freude und großem Interesse den Artikel im Würzburger Sonntagsblatt vom 17. Dez. 23 gelesen und dabei viel neues über Werneck erfahren. Im Heimaturlaub blätterte ich auch in den Chroniken. Leider konnte ich nur Teile lesen aus Zeitmangel.
    Gab es nicht früher ein Bächlein zwischen Löser und der damaligen Drogerie. War das ein Rest der Mühlenwern?
    Ich möchte mich bedanken für so viele Informationen von denen man normalerweise keine Ahnung hat. Eine Mitschwester (aus Schraudenbach) erwähnte oft ganz erfurchtsvoll „der Bötsch“. Jetzt verstehe ich ein bisschen woran das gelegen haben kann
    VIELEN Dank für so viel Geschichte. Ich bin gerne Werneckerin!

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