Fast-nicht-Treiben

Die „Fastnacht in Franken“ gilt nachweislich einem Millionenpublikum als Inbegriff des närrischen Frohsinns. Die gleichnamige Prunksitzung aus den Veitshöchheimer Mainfrankensälen mauserte sich zur erfolgreichsten Sendung des Bayerischen Fernsehens. 1987 übertrug es Büttenreden und Gardetänze erstmals live. Diese Zeitspanne wirkt wie ein Wimpernschlag im Vergleich dazu, wie lange der organisierte Schabernack im Sinntal nördlich von Gemünden schon getrieben wird. „Die Göikel“ aus Rieneck berufen sich auf ein Ereignis des Jahres 1521 und wollten heuer zur 500. Wiederkehr einen Narrenzug nach historischem Vorbild veranstalten. Das Coronavirus machte die hochfliegenden Pläne zunichte. „Fasenacht“ – so die örtliche Sprechweise – in traditioneller Form ist „fast nicht“ möglich. Trotzdem bereitet es Spaß, das von einer trutzigen Burg bekrönte Städtchen aufzusuchen.

Rieneck mit seinen knapp 2000 Einwohnern ist eine der kleinsten Städte Bayerns. Im Prospekt des Touristik-Vereins heißt es: „Rieneck bietet den Charme des waldreichen Spessarts und lässt die vulkanische Rhön spüren.“ Von welcher Seite man sich nähert – Burg Rieneck ist allgegenwärtig. Von wo ist der Blick am schönsten? Von der seit Ende der 1990er-Jahre unter Naturschutz stehenden Flussaue, von der Mariengrotte auf dem Herrgottsberg, vom Pfarrheim, … 

Außerhalb der Region kennt man dieses Wahrzeichen seit über 60 Jahren als „Pfadfinderburg“. Rechtsträger ist das christlich ausgerichtete Bildungs- und Erholungswerk. Allerdings können auch nicht-kirchliche Gruppen die Übernachtungs- und sonstigen Räume für Tagungen und Festivitäten mieten. 

Erhalten ist unter anderem eine romanische Kapelle und der Dicke Turm aus dem 12. Jahrhundert. 1168 bekam Ludwig von Rieneck die Grafschaft am östlichen Rand des kurmainzischen Gebietes als Lehen verliehen. Das flandrische Haus Loon hatte vorteilhaft in Franken eingeheiratet. Den Namen Rieneck übernahmen die Grafen vermutlich von einem erloschenen Adelsgeschlecht im Rheinland. Als Regierungssitz diente ihnen Lohr, als Stammsitz wählten sie jedoch jene 790 erstmals urkundlich erwähnte Siedlung am Unterlauf der Sinn. 1280 erwirkten sie für den Ort Stadtrechte. 

Relief eines Grafenpaars auf der Rienecker Burg.

Graf lud 1521 zum Narrenzug

Natürlich sollen die Grafen auch ursächlich gewesen sein, dass sich hier die „Faßnacht“ schon sehr früh etablierte. Jedenfalls beschrieb Hans Freiherr von Hammerstein-Equord (1881–1947) in seinem 1922 veröffentlichten Historienroman „Mangold von Eberstein“, wie sich „auf Lichtmeß a. d. 1521“ Narrenwagen und auch -schiffe mit Darstellungen von menschlichen Lastern auf Gemünden zusteuern. Am Ziel tanzen und springen alle, schmausen und saufen. Eberhard von Rieneck hatte dazu aufgefordert „vor dem harten und trauervollen Fasten und Kasteien des sündhaften Leibes“. Mit dabei auch das damalige, noch junge Familienoberhaupt, Graf Philipp III., mit seiner erst 15-jährigen Gemahlin Margareta, „die in ihrer blonden Zartheit und herben Lieblichkeit jenen Bildwerken gothischer Meister glich“. 

Hans von Hammerstein war Jurist, kurzzeitig sogar österreichischer Justizminister. Leidenschaftlich brannte er aber für die Schriftstellerei, stieg zum Bundeskommissar für Kulturpropaganda und Präsident des österreichischen PEN-Clubs auf. Als seinen „großen dichterischen Vorfahr“ bezeichnete er Joseph Victor von Scheffel (1826–1884). Dieser verfasste bekanntlich „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein …“, die sogenannte Frankenhymne. Und auch Hammerstein schwärmte nach eigenen Worten von Kindheit an für die Lande um den Main als der deutschen Landschaft schlechthin. 

Bevorzugt an der Heerstraße Richtung Frankfurt tummelte sich der Hammersteinsche Titelheld. Mangold II. von Eberstein war wohl vom gleichen Schlag wie Götz von Berlichingen. Rechtsansprüche mit Gewalt durchzusetzen, war für ihn ganz selbstverständlich. 1516 erklärte er sich zum Schutzherrn und Gönner der Nürnberger Witwe Agathe Odheimer und deren Tochter Helena. Drei Jahre später begann er deshalb eine offizielle Fehde gegen die Reichsstadt Nürnberg. Er verschleppte Nürnberger Reisende zum Teil auf seine Burg Brandenstein in Schlüchtern. Er folterte die Gefangenen, sodass sie herzerweichende Briefe mit Lösegeldforderungen nach Hause schickten. Das Reichskammergericht ächtete ihn und beauftragte Landgraf Georg von Wertheim, seine Burg einzunehmen und ihn zu verhaften. Mangold setzte sich auf die nahe Steckelsburg zu seiner Schwester und seinem Schwager – der Familie von Hutten – ab. Im gleichen Jahr, 1522, „am Tag vor Mari gepurt“ fiel er im Kampf vor der Stadt Sankt Wendel. 

Urkundlich belegt

Die komplette Auseinandersetzung scheint akribisch dokumentiert zu sein. Hammerstein verwies in seinem Nachwort auf Quellen in der Studienbibliothek in Linz, der Nationalbibliothek in Wien und der Staatsbibliothek in München. Außerdem dankte er den Freiherren von Thüngen und den Grafen von Ingelheim (Echter von Mespelbrunn) für die „Beistellung urkundlichen Materials“. Gar gab er an: „… habe ich solche Einvernehmungsprotokolle wörtlich in den Gang meiner Darstellung übertragen, (…) um dem Leser unverfälschte Ausschnitte aus (…) der Zeit vorzuführen.“ Wieso sollte er also die Kapitel rund um die ausschweifenden Vergnügungen („Faßnacht und Kirmes, die gehen ins Geschirr, Tanz macht die Köpfe wirr, die Mädchen kirr …“) dazu erfunden haben?

Der Historienroman „Mangold von Eberstein“ wird im Antiquariat für rund 70 Euro aufwärts gehandelt. Dieses Exemplar des früheren Rienecker Bürgermeisters Wolfgang Küber hat eine Widmung; es war der 2. Preis bei einem Schießen zur Erinnerung an einen verdienten General am 16. August 1928 in Altenburg.

Die in Rieneck aufgewachsene Volkskundlerin Heidrun Alzheimer, seit 2006 Inhaberin des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, machte ihr heimisches Fasenachtskomitee „Die Göikel“ auf dessen Ursprünge aufmerksam: In dem Roman ahmte Fritz von Thüngen als Narrenkönig immer wieder den Schrei des Hahns nach. Und der Lohrer Kreisheimatpfleger Theodor Ruf, der über die Grafen von Rieneck promoviert hat, lieferte eine Expertise, dass Philipps Onkel Thomas (1472–1547) Domherr in Köln gewesen sei; von Besuchen habe der Neffe sicher den dortigen Karneval gekannt.

Die aktuell im örtlichen Kaufladen „Rien-Eck“ zu bestellenden Exemplare entstehen auf den gleichen Maschinen wie die aus Rieneck beziehungsweise Gemünden stammende Mode der Marke „Basset“.
Deutsche Meisterinnen: Die Rieneckerinnen gewannen 1982 den begehrten Titel im Gardetanz. Im Showtanz waren sie zuvor schon mehrfach bundesweit spitze.

In Erinnerungen schwelgen … Was bleibt sonst zu tun, wenn am Faschingswochenende kein Narrenzug wie anno 1521 stattfindet? Wohl oder übel auch nicht die übliche Straßenfasenacht, wofür Männer wie Frauen in Rieneck in ihren „Überzug“ steigen. Karin Ullrich, 1982 Mitglied der mit der deutschen Meisterschaft gekrönten „Göikel“-Garde und seit 2017 Sitzungspräsidentin, sowie Bürgermeister Sven Nickel empfehlen Gästen wie aus einem Mund einen Spaziergang durchs Städtchen mit seinen fast 50 Baudenkmälern – allen voran selbstverständlich die Burg, das historische Rathaus aus dem 15. Jahrhundert mit Halseisenpranger und wenige Schritte weiter die 1812 geweihte Pfarrkirche „St. Johannes der Täufer“. Ein weiteres Muss: der Aufstieg zur Kreuzkapelle. Und für Familien führt kein Weg vorbei am Wassererlebnishaus zweieinhalb Kilometer nordwestlich im Fließenbachtal Richtung Bayerischer Schanz und Wallfahrtort Rengersbrunn; bei freiem Eintritt können Groß und Klein jederzeit experimentieren. „Mantschen und plantschen“, bringt’s die „Göikel“-Präsidentin auf den Punkt. Sollte das Wetter dafür nicht taugen, dann eben doch „fernsehen“ – im Internet auf rfk-rieneck.de ein Zusammenschnitt früherer Prunksitzungen wie in Veitshöchheim.

Die Kreuzkapelle auf dem Herrgottsberg.
Historisches Rathaus und Pfarrkirche.
Sitzungspräsidentin Karin Ullrich – beim Rienecker „Göikel”. Bei diesem Sandsteintrog handelt es sich um ein historisches Weinmaß; nicht gerade für den kleinen Durst.
Das Wassererlebnishaus im Fließenbachtal.

| (Repro-)Fotos: B. Schneider


Würzburger Wurzeln

Das wirkliche Leben schreibt die aufregendsten Geschichten. Nicht erfunden ist die des Mangold II. von Eberstein zum Brandenstein. Seine Burg in Schlüchtern war 1278 erstmals genannt worden im Zusammenhang mit einem Hermann von Brandenstein. Hermanns Lehnsherr war der Bischof von Würzburg. Jahrhunderte später sollte es wieder eine Verbindung nach Würzburg geben: 1895 hat ein württembergischer Offizier ausgerechnet mit dem Namen von Brandenstein das alte Gemäuer erworben und als Familiensitz herrichten lassen. Seine Frau Mathilde war die Tochter des Würzburger Mediziners und Japanforschers Philipp Franz von Siebold. Deren Sohn Alexander heiratete 1909 Hella von Zeppelin, die einzige Tochter des legendären Luftschiff-Grafen Ferdinand.

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