Fix wie der Amtsbote

Vor 100 Jahren wurde Königsberg bayerisch. Bis dahin gab es einen Kurierdienst nach Coburg – heute eine herrliche Wanderstrecke durch würzburgisch geprägtes Gebiet.

Ehemaliges Coburger Landeswappen im Hof der dortigen Veste. | Foto: B. Schneider
Ehemaliges Coburger Landeswappen im Hof der dortigen Veste. | Foto: B. Schneider

Dass ein Teil Unterfrankens bis vor 100 Jahren zu den sächsischen Herzogtümern gehörte, wird denjenigen bewusst, die sich auf den Amtsbotenweg von Königsberg nach Coburg begeben. Stramme Wanderer schaffen die rund 50 Kilometer an einem Tag. Sich an der frischen Luft zu bewegen, ist das Einzige, das seit Beginn der Corona-Pandemie stets empfohlen wird. 

Das Königsberger Pfingstfest mit der traditionellen Parade der Bürgerwehr von 1848 zum Abschluss am Dienstagmorgen – abgesagt; die nicht nur bei Menschen mit dem grünen Daumen beliebte Rosen- und Gartenmesse um den 20. Juni auf dem Schlossberg – ebenso; Gleiches gilt Mitte August für den Erlebnismarkt „Zauberhaftes Königsberg“. Andrea Lutsch, Leiterin der Touristinformation des ansonsten mit Kunst und Kultur reich gesegneten Städtchens am Westrand der Haßberge, tut sich aktuell schwer mit Freizeittipps. 

Auch die Dauerausstellung im Erdgeschoss des Rathauses, wo die Gäste kostenlos einen Einblick in Geologie, Historie, Wirtschaft, Brauchtum und Gesellschaft erhalten, ist geschlossen, weil nur telefonischer oder elektronischer Bürgerservice geboten werden kann. Unter anderem wäre hier zu erfahren, dass der Mann, dessen Statue sich im zentralen Brunnen erhebt, wesentliche wissenschaftliche Grundlagenarbeit leistete für unser heliozentrisches Weltbild. Der Name des in einem schmucken Fachwerkhaus am Salzmarkt geborenen Mathematikers und Astronomen: Johannes Müller. In Rom, wo er wirkte, nannte man ihn Regiomontanus – der Königsberger. 

Die Geschichte seiner Heimatstadt ist im Sommerhalbjahr von besagtem Brunnen aus zweimal am Tag episodenhaft zu verfolgen, und zwar beim Glockenspiel am Rathaus um 11:30 und 15:30 Uhr. 1234 erstmals als Königsberg erwähnt, erhielt die Siedlung unterhalb der angeblich von Kaiser Barbarossa 1168 erbauten Stauferburg 1333 Markt- und 1358 volle Stadtrechte. Der Handel blühte. In Königsberg soll die südlichste Rolandfigur Deutschlands stehen. Vor allem in den Hansestädten im Norden errichteten die Kaufleute ihrem Schutzheiligen entsprechende Standbilder. 

1168 soll der Staufer Friedrich Barbarossa auf dem Königsberger Schlossberg schon eine Burg errichtet haben. | Foto: B. Schneider
1168 soll der Staufer Friedrich Barbarossa auf dem Königsberger Schlossberg schon eine Burg errichtet haben. | Foto: B. Schneider
Roland am Königsberger Rathaus. | Foto: B. Schneider
Königsberg hat deswegen ein so schönes, geschlossenes, harmonisches Straßenbild, weil in wirtschaftlich florierenden Zeiten nicht blindlinks abgebrochen und neu gebaut wurde. Die Stadt erließ schon 1970 eine Gestaltungssatzung - zwei Jahre bevor in Bayern das Denkmalschutzgesetz Rechtskraft erlangte. | Foto: B. Schneider
Königsberg hat deswegen ein so schönes, geschlossenes, harmonisches Straßenbild, weil in wirtschaftlich florierenden Zeiten nicht blindlinks abgebrochen und neu gebaut wurde. Die Stadt erließ schon 1970 eine Gestaltungssatzung – zwei Jahre bevor in Bayern das Denkmalschutzgesetz Rechtskraft erlangte. | Foto: B. Schneider
Die katholische Pfarrkirche (St. Josef) von Königsberg wurde 1956/57 nach Plänen von Dombaumeister Hans Schädel errichtet. Das Kirchenschiff, in das durch wandhohe Fenster viel Sonnenlicht einfallen kann, verkörpert ein „Zelt Gottes unter den Menschen“. | Foto: B. Schneider

Beinahe 60 Mal wurde Königsberg als wertvolles Pfand oder Erbe in andere Hände gegeben, schließlich auch in die des Bischofs von Würzburg. 1569 gelang es Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar, Königsberg als Enklave in fränkischen Landen zurückzukaufen. Die Herrschaft wechselte: Sachsen-Gotha, Sachsen-Römhild, Sachsen-Hildburghausen und – 1826 im Zuge der Neuordnung der Ernestinischen Herzogtümer – Sachsen-Coburg und Gotha. 

Rund 50 Kilometer bis in die Residenzstadt

Ein Amtsbote stellte zweimal wöchentlich die Verbindung in die Residenzstadt Coburg her. Ein zweiter Kurier, der sogenannte Intelligenzbote hatte Geldbeträge zu befördern, musste sich in der Canzley einfinden, um Beiträge für das „Intelligenzblatt“ abzugeben. Für weiteren Verkehr sorgten Bauern und Handwerker, die den Wochenmarkt beschickten, und Lateinschüler. 

„Raus in die Natur!“, kann Touristikerin Lutsch nur raten. „Vorerst zu zweit oder mit der Familie.“ Ob die für 26. September geplante 54. Coburg-Wanderung mit den üblicherweise gut 50 Teilnehmern stattfinden wird? Organisiert wird sie von der Königsberger Schlossberggemeinde. Deren Vorsitzender – seine korrekte Bezeichnung ist Erster Burgvogt so wie die des Kassiers Säckelwart – Eddi Klug glaubt fest daran. Zwei erfahrene Wanderführer wüssten Schleichpfade, auf denen sich die Strecke um fünf Kilometer abkürzen lasse. Von morgens um sechs bis abends dauere die Tour dennoch. Weil er dies nicht für möglich hielt, zahlte ein Coburger Arzt, der immer zwei Tage unterwegs war, den Königsbergern nach verlorener Wette in den 1960er-Jahren ein Fass Bier. Seither ist der Marsch jährliche Übung. Eddi Klug selbst begleitet die „Prozession“ mit einem Versorgungsfahrzeug. Wunderbare Stationen sind beispielsweise Leuzendorf, Altenstein und Seßlach, wo ein bayerischer Löwe auf dem Treppenabsatz des Rathauses wacht. 

1810 kam Seßlach zum Königsreich Bayern, zuständig war ab 1812 das königliche Landgericht im Bezirksamt Staffelstein. Seit 1972 gehört die Stadt zum Landkreis Coburg. | Foto: B. Schneider
1810 kam Seßlach zum Königsreich Bayern, zuständig war ab 1812 das königliche Landgericht im Bezirksamt Staffelstein. Seit 1972 gehört die Stadt zum Landkreis Coburg. | Foto: B. Schneider

Nicht auszudenken wäre für den Burgvogt und sozialdemokratischen Königsberger Stadtrat Klug, wenn seine Stadt vor 100 Jahren an Thüringen angegliedert und dann nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der „Ostzone“ geworden wäre … So heißt es in den Annalen: „Nach einer Volksabstimmung 1919 wurde der Freistaat Coburg zum 1. Juli 1920 mit dem Freistaat Bayern vereinigt. Damit kamen auch die Stadt Königsberg in Franken und das Amt Königsberg zu Bayern. Die Stadt wurde dem bayerischen Bezirk Hofheim im Kreis Unterfranken und Aschaffenburg zugeteilt. Im Zuge dessen wurde der bis dahin geltende Namenszusatz ‚in Franken‘ zu ‚in Bayern‘ abgeändert.“


Urpfarreien zur Slawenmission

Die gesamten Haßberge waren Würzburger Stammlande. Damit Kaiser Heinrich II. 1007 das Bistum Bamberg gründen konnte, musste Würzburg rund ein Viertel seines ursprünglichen Territoriums abtreten. Die einstigen Würzburger Urpfarreien wie die Seßlacher sollten die Slawen in Franken christianisieren. 

Lohnenswerte Ziele zwischen Königsberg und Coburg sind unter anderem 

Leuzendorf: Das Dorf war mehrfach vom Hochstift Würzburg an Mitglieder der Familie Fuchs zu Burgpreppach belehnt. 1592 ging es an die Herren von Erthal. Es war evangelisch, bis unter Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg die Kinder des 1688 im großen Türkenkrieg gefallenen Daniel Christian von Erthal zum katholischen Glauben erzogen wurden. Dietrich Carl von Erthal ließ nicht nur das Schloss ausbauen, sondern verhalf dem heute keine 150 Einwohner zählenden Ort 1732 bis 1735 zu einer außerordentlich reich ausgestatteten Rokokokirche. Allein 125 Putten umschweben die Bilder und Skulpturen aus der Heilsgeschichte. Hinter dem durchbrochenen Hochaltar hängt ein Gekreuzigter, dessen Antlitz an das Turiner Grabtuch erinnert. Unter anderem waren hier Johann Thomas Wagner und sein berühmter Sohn Johann Peter am Werk. 

Von außen ist kaum zu erahnen, wie reich die 1732 bis 1735 erbaute Pfarrkirche St. Michael in Leuzendorf (Gemeinde Burgpreppach) ausgestattet ist. | Foto: B. Schneider
Von außen ist kaum zu erahnen, wie reich die 1732 bis 1735 erbaute Pfarrkirche St. Michael in Leuzendorf (Gemeinde Burgpreppach) ausgestattet ist. | Foto: B. Schneider
Im Stil des Rokoko ist die Leuzendorfer Kirche übervoll mit Bildern und Skulpturen. | Foto: B. Schneider
Im Stil des Rokoko ist die Leuzendorfer Kirche übervoll mit Bildern und Skulpturen. | Foto: B. Schneider
Dietrich Carl von Erthal war der Erbauer des Leuzendorfer Schlosses. | Foto: B. Schneider
Dietrich Carl von Erthal war der Erbauer des Leuzendorfer Schlosses. | Foto: B. Schneider

Altenstein: Hier befand sich der Stammsitz der Stein vom Altenstein. Diese haben ihre Burg mit weiter Sicht über das Weisach- und Baunachtal 1703 verlassen und sind in ihr neues Schloss in Pfaffendorf gezogen. Die Teile der heutigen Ruine Altenstein gehen zurück auf die Zeit des 13. bis 16. Jahrhunderts. 1972 übernahm der Landkreis Haßberge die Anlage, seit 1975 ist sie wieder zugänglich. Viel Wissenswertes ist hier im Deutschen Burgeninformationszentrum zu erfahren. 

Das Burgeninformationszentrum in Altenstein ist für Jung und Alt gleichermaßen lehrreich. | Foto: B. Schneider
Das Burgeninformationszentrum in Altenstein ist für Jung und Alt gleichermaßen lehrreich. | Foto: B. Schneider
Burg und Dorf Altenstein bekamen des Öfteren die Rivalitäten der Bistümer Würzburg und Bamberg zu spüren. | Foto: B. Schneider
Burg und Dorf Altenstein bekamen des Öfteren die Rivalitäten der Bistümer Würzburg und Bamberg zu spüren. | Foto: B. Schneider
Mittelpunkt der Burg Altenstein war die Burgkapelle. Das ist heute in der Ruine Altenstein noch gut zu erkennen. | Foto: B. Schneider
Mittelpunkt der Burg Altenstein war die Burgkapelle. Das ist heute in der Ruine Altenstein noch gut zu erkennen. | Foto: B. Schneider

Seßlach: Als „oberfränkisches Rothenburg“ oder „Perle im Coburger Land“ wird das noch mit einem kompletten mittelalterlichen Mauerring umgebene Seßlach beschrieben. Die erste schriftliche Erwähnung fand es im Jahr 800. Ab 1120 war Seßlach Amtssitz und Zentgericht des Herzogtums Franken. 1335 verlieh Kaiser Ludwig der Bayer ihm Stadtrechte nach dem Vorbild Gelnhausens. 1810 kam die Stadt politisch zum Königreich Bayern und kirchlich zum Erzbistum Bamberg. 1881 wurde hier Joseph Otto Kolb geboren, der den Gläubigen als Erzbischof von Bamberg von 1943 bis 1955 in schwerer Zeit Halt gab. 1972 wurde Seßlach trotz historischer Verbindungen zu Unterfranken dem Landkreis Coburg zugeschlagen.

Die spätgotische, katholische Stadtpfarrkirche (Johannes der Täufer) von Seßlach wurde im 18. Jahrhundert barockisiert. Interessant gelöst ist die asymetrische Anordnung des Altarraums. Mit 20 auf 22 Metern ist die Grundfläche des Kirchenschiffs fast quadratisch. | Foto: B. Schneider
Die spätgotische, katholische Stadtpfarrkirche (Johannes der Täufer) von Seßlach wurde im 18. Jahrhundert barockisiert. Interessant gelöst ist die asymetrische Anordnung des Altarraums. Mit 20 auf 22 Metern ist die Grundfläche des Kirchenschiffs fast quadratisch. | Foto: B. Schneider
Aus Seßlach stammte Joseph Otto Kolb, der die Gläubigen im Erzbistum Bamberg als ihr Oberhirte durch die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit führte. | Foto: B. Schneider
Aus Seßlach stammte Joseph Otto Kolb, der die Gläubigen im Erzbistum Bamberg als ihr Oberhirte durch die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit führte. | Foto: B. Schneider
Im Seßlacher Kommunbrauhaus können die Bürger mit Braurecht ihr eigenes Bier herstellen. | Foto: B. Schneider
Im Seßlacher Kommunbrauhaus können die Bürger mit Braurecht ihr eigenes Bier herstellen. | Foto: B. Schneider

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