Hoher Lernfaktor bei niedrigen Türstöcken

Fränkisches Freilandmuseum Fladungen vermittelt viel nützliches Wissen

Aufgemerkt! Der „Lehrstoff“ im Fränkischen Freilandmuseum Fladungen hilft, sein Leben nachhaltig auszurichten. Nicht nur diejenigen in „Erziehungs- und Ernährungsmanagement“ sowie in Industrie und Handwerk entdecken in und um die gleichermaßen originalen wie originellen Hofstellen und Gemeindebauten aus dem 17. bis 20. Jahrhundert Nützliches für ihren Alltag. Verbunden mit einer schmerzhaften Erfahrung merkt man sich Manches vielleicht besser, aber hochgewachsene Besucher mögen landessprachlich gewarnt sein: „Da muss mer sich frei bück weche de niedriche Dürstöck in derre alde Häuser. Aufgemerkt!“

Seit 1990 hält man die Traditionen in Unterfranken in einem eigenen Freilandmuseum in Ehren. Auserkoren wurde hierfür ein rund zwölf Hektar großes Areal am Rand der nördlichsten Stadt Bayerns. Das Museum wird getragen von einem Zweckverband aus Bezirk Unterfranken, Landkreis Rhön-Grabfeld und die Stadt Fladungen. Ersterer bringt zwei Drittel des Finanzbedarfs auf, Letztere zwei Prozent.

Streu, Leubachsgraben und Kehlbach durchfließen das Museumsgelände. Kein Wunder also, dass das einzige Gebäude, das nicht hierher gebracht wurde, sondern von Anfang an dastand, eine Mühle ist: die Äußere Fladunger Mühle oder Reßmühle. Gut 20 Anwesen bzw. Einrichtungen wie ein Dörrhaus und eine Gemeinschaftsgefrieranlage können erkundet werden. Jüngste Errungenschaft ist eine Schäferei aus Hausen bei Bad Kissingen.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein für eine Präsentation im Freilandmuseum? Was maßgeblich ist für die Entscheidung, ein Gebäude neu aufzunehmen oder nicht, fassen Museumsleiterin Ariane Weidlich und ihre Presseverantwortliche Patricia Linsenmeier zusammen: „Bringt das Gebäude einen neuen Aspekt ins Museum? Das kann auf sozialgeschichtlicher Ebene sein, das kann aber auch die Einrichtungssituation betreffen oder die Architekturgeschichte. Zudem ganz wichtig ist der Gebäudezustand; die Gebäudesubstanz muss eine Translozierung ermöglichen. Bei der Schmiede aus Waldberg, die noch 2019 kommen wird, war zum Beispiel nicht die Architektur, sondern die Vollständigkeit der Ausstattung ausschlaggebend. Und dass wir einen weiteren Schwerpunkt mit einem Beruf setzen können, der bisher nicht dargestellt ist.“

Das erste Gotteshaus in einem Freilandmuseum überhaupt, das weiterhin für kirchliche Handlungen genutzt werden darf, stand ursprünglich, nämlich ab 1802, in Leutershausen. Aus dem Ort stammt Rita Damm, die jetzt mit ihrem Mann Hugo in Oberstreu lebt. 1958 schlossen die beiden in dieser Kuratiekirche St. Bartholomäus den Bund fürs Leben. Den Dankgottesdienst zur goldenen Hochzeit feierten sie vergangenen September als glückliches Jubelpaar innerhalb der gleichen Mauern in jedoch anderer Umgebung. „Einmalig schön!“, betont Hugo Damm. In gleicher Weise äußert sich Thomas Emmert aus Wollbach, der im Juni vor vier Jahren seine Tanja in der Bartholomäuskirche an den Altar führte; der ehemalige Dekanatsjugendseelsorger und Kuratus von – ja genau – Leutershausen, Pfarrer Karl-Heinz Mergenthaler, traute das Paar.

Für Barrierefreiheit verdienten sich die Fladunger Museumsmacher (in Konzeption und Verwaltung, in Gebäudeunterhalt und -bewirtschaftung sowie an der Kasse sind es insgesamt zwei Dutzend Mitarbeiter) eine Auszeichnung mit der Büttnerei aus Sulzthal. Sie schafften es, das historische Haus mit Werkstatt sogar für Rollstuhlfahrer zugänglich zu machen. Und die entsprechenden Erklärungen können zudem Sehbehinderte bzw. Blinde lesen – in Brailleschrift.

Auch bemerkenswerte bewegliche Stücke gibt es zu bestaunen. Einer der bald 100 Jahre alten Traktoren aus der Sammlung  landwirtschaftlicher Geräte trägt den vielsagenden Namen „Allesschaffer“.

Die Museumsbahn, das „Rhön-Zügle“, verkehrt bis Saisonschluss im Oktober noch 16 Mal auf der 18 Kilometer langen Strecke zwischen Fladungen und Mellrichstadt mit Halten in Nordheim, Ostheim und Stockheim. Die einfache Fahrt kostet 6 bzw. 8 €. Unter Dampf zu fahren, ist beliebter, als von einem Dieselmotor bewegt zu werden. Die größere der beiden Museumsdampfloks, die freilich mehr Waggons ziehen kann als die kleine, wird jedoch nach einer Kollision mit einem landwirtschaftlichen Gespann derzeit im Bahnausbesserungswerk in Meiningen repariert.

Hunger und Durst braucht kein Museumsbesucher leiden. Zur Einkehr laden das Wirtshaus „Zum schwarzen Adler“ aus Alsleben und ein Brotzeitstübchen in der Hofstelle mit Backhaus aus Oberbernhards ein. Auf den Tisch kommen traditionelle und saisonale Gerichte.

Das jährliche Museumsfest findet heuer am 30. Juni statt. An diesem Tag wird erstmals ausgeschenkt, was am 7. April im Museum im Alslebener Gemeindebrauhaus auf die Sudpfanne gebracht wurde und jetzt reift. Das Stöffchen sollte wohl gelungen sein, hatte die Mannschaft der Museumsbrauer Klaus-Dieter Spiegel und Joachim Werner doch royale Unterstützung durch die bayerische Bierkönigin Johanna Seiler. Das Museumsbier kann auch ohne Sorge um den Führerschein zu Hause genossen werden; ein Teil wird in Fässchen und Flaschen abgefüllt.

An Mitmachaktionen haben nicht nur Kinder ihren Spaß. Da können auch Erwachsene in Erinnerungen schwelgen, beispielsweise wenn Monika Koch am holzbefeuerten Herd eine duftende und dampfende süße Masse eindickt und leckere Malzbonbons herstellt. Die (Vor-)Führungen bieten ein breites Themenspektrum.

Wechselnde Ausstellungen sind im Obergeschoss des Eingangsgebäudes zu sehen. Noch bis 14. Juli: „Volk – Heimat – Dorf“. Dabei geht es um Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre.

In Ställen und Gärten bzw. auf Koppeln und Feldern wachsen und gedeihen vielerlei Tiere und Pflanzen. Im Frühjahr schlüpfen in der Regel zunächst die Küken. Diesmal hatten als erstes die Tauben Nachwuchs. Wenn im Sommer und Herbst die Museumsbauern die Früchte ihrer Arbeit ernten, lagern sie auch einiges für den Winter ein, was im Keller des Tagelöhnerhauses aus Heinrichsthal einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

Liebevoll erklärt werden die Exponate mit kurzweiligen Texten. Als Gruppe kann man allerdings auch Führungen buchen. Kontakt: (09778) 9123-0 und info@freilandmuseum-fladungen.de. Bis einschließlich September ist das Museum täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Im Oktober bleibt es montags geschlossen. Am 4. November beginnt die Winterruhe.


| Fotos: B. Schneider

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