Wenn das Museumsgebäude selbst ein wichtiges oder gar das wichtigste Ausstellungsstücke ist

Im Sommer 1563 grassierte in Würzburg eine Seuche. Deshalb verlegte der Fürstbischof kurzfristig seinen Regierungssitz mainabwärts nach Karlstadt. Das Gebäude an der Hauptstraße, in dem damals Mitglieder seines Domkapitels Unterkunft fanden, belegt nun wieder ein Domherr, und zwar ein emeritierter – jedoch nicht er selbst, sondern „nur“ seine einzigartige Sammlung zeitgenössischer Kunstwerke.

Über 200 Exponate – zum größten Teil Schenkungen von Dr. Jürgen Lenssen, dem früheren Kunstreferenten der Diözese Würzburg, sowie durch ihn vermittelte Leihgaben von Kunstschaffenden und von Freunden des Museums am Dom – bilden eine der beiden Abteilungen des neuen Museums Karlstadt. Auf die Eröffnung am 6. Mai 2022 folgen bis 8. Mai drei Tage der offenen Tür bei freiem Eintritt. 

Einzigartige zeitgenössische Kunst ist im neuen Museum Karlstadt zu erleben – mitten in der Altstadt in der Hauptstraße 9.
Einzigartige zeitgenössische Kunst ist im neuen Museum Karlstadt zu erleben – mitten in der Altstadt in der Hauptstraße 9.

Bis 31. Oktober bleibt die Kulturstätte täglich von 10 bis 18 Uhr zugänglich. Einmalig, dass im musealen Betrieb auf den montäglichen Schließtag verzichtet wird. Möglich macht dies der organisatorische Schachzug, im Eingangsbereich auch die städtische Tourist-Information anzusiedeln und Gäste egal mit welchen Interessen an derselben Empfangstheke zu bedienen. Dass das Museum in der kalten Jahreszeit von Anfang November bis Ende März ausschließlich als angemeldete Gruppe mit Führung besucht werden kann, sei der Tatsache geschuldet, dass das historische Gebäude nur über eine Temperierung, aber keine Heizung verfügt, erklärt Kornelia Winkler. Sie zeichnet im Karlstadt Rathaus für Kultur, Tourismus und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Sie schwärmt von der „faszinierenden Architektur“ des Museums, die eben selbst „eines der wichtigsten Ausstellungsstücke“ sei.

Vier Jahre – von 2018 bis 2022 – dauerte es, das Baudenkmal „Hauptstraße Nr. 9“ zu sanieren; es gelang sogar, fast überall Barrierefreiheit zu verwirklichen. Dank „großzügigster Förderung“, verrät Kornelia Winkler, habe die Stadt rund vier Millionen Euro investieren können. 

Wiedervereinigung nach 395 Jahren

Die Leiterin des Museums Karlstadt hat Kulturgeschichte mit Betriebswirtschaft studiert. Als die gebürtige Berlinerin 2009 in Main-Spessarts Kreisstadt beruflich durchstartete, hatte der Bürgermeister nicht lange zuvor den Kaufvertrag für das leerstehende Haus unterschrieben. Das Anwesen unmittelbar daneben war schon 1861 in städtischen Besitz gelangt. Der Landrichter hatte darin eine Dienstwohnung. 1985 war das Mietshaus zum stadtgeschichtlichen Museum umgestaltet worden. Jetzt kam es zur Wiedervereinigung der beiden Baukörper. Zwei Bürger hatten sie 395 Jahre zuvor unter sich aufgeteilt.

Karlstadt ist planmäßig angelegt. Konrad von Querfurt gründete die Stadt um das Jahr 1200 gegenüber der Karlsburg am flachen Mainufer. Die Hauptstraße verläuft in Nord-Süd-Richtung. Die von ihr abgehenden Querstraßen gliedern die Bebauung in regelmäßige Blöcke. Auf dem Grundstück zur Brunnenstraße hin steht wahrscheinlich seit dem 13. Jahrhundert ein Gebäude. Überreste eines frühen Steinbaus sind in der nordöstlichen Ecke nachzuweisen. Der mehrgeschossige Hauptbau mit großer Halle wurde laut Altersbestimmung des verwendeten Holzes um 1376 entlang der Hauptstraße errichtet. 1531/32 wurde auf die nördliche Hofmauer ein Fachwerkbau gesetzt. Rund 30 Jahre nach Fertigstellung erhielten die Fachwerkstuben eine noch prachtvollere Ausstattung als schon zuvor. Der Grund war wohl, dass in Würzburg ausgelagerte Domherren einzogen.

Rückschlüsse über Malereien

Über die Bewohner ist wenig bekannt. Malereien geben Hinweise: In einem Raum sind sechs Wappen fränkischer Adeliger angebracht, darunter das Wappen der Familie von Lichtenstein; sie könnte das herrschaftliche Haus besessen haben. Alle hier verewigten Adelsgeschlechter gehörten dem Würzburger Domkapitel an.

Sinnsprüche wurden auf die Wände aufgemalt, als im Jahr 1563 Mitglieder des Würzburger Domkapitels einzogen.
Sinnsprüche wurden auf die Wände aufgemalt, als im Jahr 1563 Mitglieder des Würzburger Domkapitels einzogen.

Ursprüngliche Wandbilder zeigten meist kriegerische Szenen. Zum Teil verschwanden sie nun unter einer neuen Malschicht, auf der vor allem Sinnsprüche zu lesen sind. „Leidt meidt Schweig und vertrag / Dein nott nimandt clag / An Gott nit verzag / Glück kümbt alle Tag“ – dieser Reim wurde gar Martin Luther zugeschrieben. In jedem Fall beweisen die Inschriften ein hohes Bildungsniveau. 

Kunst verdeutlicht Veränderungen

Genau diese vorhandene Situation aufzugreifen und sie mit zeitgenössischen Arbeiten zu kombinieren, stellt die Besonderheit des Konzepts des Museums Karlstadt dar. In der Abteilung StadtGESCHICHTE richtet sich der Blick in erster Linie auf die „Karolinger am Main“ und auf lange Vergangenes. Dann spannt sich ein Bogen vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart mit massiven gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religiösen Veränderungen. Die Kunstwerke versinnbildlichen und verdeutlichen das Ausmaß der ZeitBRÜCHE beginnend mit der Reformation; an der wirkte bekanntlich der Karlstadter Andreas Bodenstein alias Dr. Carlstadt entscheidend mit.

Beispielsweise an die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten erinnert eine geschundene Kreatur aus Bronze, die der Bezirk Unterfranken beigesteuert hat. Sie ist den Euthanasieopfern gewidmet, stammt aus der psychiatrischen Klinik in Lohr und ist nun eingelassen in den Boden des Museumshofs in Karlstadt. 

An die Deportation von psychisch kranken Menschen in Vernichtungslager erinnert eine in den Boden des Museumshofs eingelassene Bronze. Sie verdeutlicht den ZeitBRUCH der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
An die Deportation von psychisch kranken Menschen in Vernichtungslager erinnert eine in den Boden des Museumshofs eingelassene Bronze. Sie verdeutlicht den ZeitBRUCH der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Gütige Hände geben Leidenden Halt.
Gütige Hände geben Leidenden Halt.

Ganz oben unterm Dach befindet sich eine ZeitKAPSEL. Sie dient als Verbindungsraum zwischen den beiden Abteilungen des Museums – für Sonderausstellungen. In der ersten präsentieren der Historische Verein Karlstadt und sein Vorsitzender Wolfgang Merklein „Johann Schöner und seine Globen“. Auch jener Karlstadter Mathematiker hatte wesentlich zu Umbrüchen auf der Welt beigetragen.

Die erste Sonderausstellung ist dem Karlstadter Wissenschaftler Johann Schöner und seinen Globen gewidmet.
Die erste Sonderausstellung ist dem Karlstadter Wissenschaftler Johann Schöner und seinen Globen gewidmet.

| Fotos: B. Schneider


Einzigartige Schauen

Die Karlstadter Museumslandschaft bietet zwei weitere nicht alltägliche Themen: im Torhaus am Ende der Altstadt das weltweit erste und einzige Wein-Karikaturen-Museum. Dieses ist freitags von 19 bis 21 Uhr geöffnet. Am Stadteingang erhebt sich in futuristischer Form das Europäische Klempner- und Kupferschmiede-Museum. Es kann dienstags bis freitags von 10 bis 12:30 und von 13:30 bis 16 Uhr besichtigt werden sowie in diesem Jahr an folgenden Sonntagen von 12:30 bis 17:30 Uhr: 15. Mai, 5. Juni, 10. Juli, 7. August, 4. September und 16. Oktober.

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