Hörnerschall im Waldsassengau

Blechblasinstrumente symbolisieren auf einem Rundweg westlich von Würzburg bedeutende geschichtliche Ereignisse.

Blechbläser müssen gerade pausieren – wegen der Aerosole. Die kleinen Schwebeteilchen würden durch einen kräftigen Luftstoß herumgewirbelt; Viren könnten sich im Wortsinne in Windeseile verbreiten. Dennoch sei in der Zeit der Pandemie, in der Aufenthalt in der Natur nur förderlich sein kann, eine Rundwanderung im sogenannten Waldsassengau westlich von Würzburg empfohlen, die unter dem Motto „Signalhorn – Posthorn – Jagdhorn“ steht. Nirgendwo spielt wirklich jemand die Instrumente. Aber ihr durchdringender Schall klingt einem unterbewusst ständig in den Ohren; auf Infotafeln werden die mit ihnen in Zusammenhang stehenden historischen Ereignisse in der Region erläutert. Die Route führt meist über asphaltierte Wege, ist rund 13 Kilometer lang und kann auf 20 ausgeweitet werden.

Der Waldsassengau war im Frühmittelalter (9. Jahrhundert) ostfränkisches Siedlungsgebiet. Er erstreckt sich zwischen Maindreieck und Mainviereck sowie im südöstlichen Spessart. Das unterfränkische Institut für Kulturlandschaftsforschung an der Universität Würzburg mit der Bezeichnung Archäologisches Spessartprojekt (ASP) hat seit 1999 gemeinsam mit Partnern und Sponsoren eine Vielzahl europäischer Kulturwege mit dem gelben EU-Schiffchen auf blauem Rechteck ausgewiesen. So lassen sich die Entwicklung des Raums und die jeweiligen Höhepunkte auf gesundheitsfördernde Weise nachvollziehen. Die nunmehr 110. Route, auf der verschiedene Hörner die Brücke in die Vergangenheit schlagen, trägt offiziell die Bezeichnung „Waldsassengau 6“. Als Start- beziehungsweise Endpunkte bietet sich die ehemalige Poststation in Roßbrunn oder der Kirchplatz in der Ortsmitte von Uettingen an. 

Die moderne katholische Kirche „Verklärung unseres Herrn Jesus Christi“ steht auf geschichtsträchtigem Grund. Am Uettinger Kirchberg, der mit 350 Metern höchsten Erhebung des Waldsassengaus, wurde am 26. Juli 1866 die blutigste Schlacht des sogenannten Maintalfeldzugs geschlagen.
Die moderne katholische Kirche „Verklärung unseres Herrn Jesus Christi“ steht auf geschichtsträchtigem Grund. Am Uettinger Kirchberg, der mit 350 Metern höchsten Erhebung des Waldsassengaus, wurde am 26. Juli 1866 die blutigste Schlacht des sogenannten Maintalfeldzugs geschlagen.

Signalhorn

In Uettingen war das Signalhorn am 26. Juli 1866 schon im Morgengrauen zu hören. Es gab Befehle an die sich hier gegenüberstehenden bayerischen und preußischen Truppen weiter. Die Bayern kämpften an der Seite Österreichs vergebens um die Vorherrschaft in Deutschland. Weit über 300 Krieger fielen auf dem Schlachtfeld rund um den Uettinger Kirchberg, wo damals noch Reben standen und der heute wieder bestockt ist. Der hiesige Gottesacker ist der größte Soldatenfriedhof dieses Krieges in Deutschland. Bestens gepflegte Grabmäler zeugen davon. 

Nach dem Gefecht waren mehr als 600 Verwundete zu versorgen. Für sie wurde die Kirche des seit 1530 unter den Wertheimer Grafen protestantisch gewordenen Dorfs mit Stroh ausgelegt. Auch das 1818 als spätklassizistischer Massivbau errichtete Schloss der Familie Wolffskeel von Reichenberg diente als Lazarett. König Ludwig II. besuchte am 29. November 1866 die „kriegsbedrängten Orte in Unterfranken“ und zeichnete Freifrau Caroline von Wolffskeel für ihren Einsatz höchstmöglich aus – mit dem Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayerischen Krone.

329 „auf dem Felde der Ehre“ Gefallene fanden in Uettingen ihre letzte Ruhe. Das macht den hiesigen Gottesacker zum größten Soldatenfriedhof des österreichisch-preußischen Kriegs von 1866 in Deutschland.
329 „auf dem Felde der Ehre“ Gefallene fanden in Uettingen ihre letzte Ruhe. Das macht den hiesigen Gottesacker zum größten Soldatenfriedhof des österreichisch-preußischen Kriegs von 1866 in Deutschland.
BAyerisches Ehrenmal.
Bayerisches Ehrenmal.
Preußisches Ehrenmal.
Preußisches Ehrenmal.
1818 ließen die Wolffskeels von Reichenberg in Uettingen ein Schloss als Sommerresidenz errichten. Hier lebt die Grafenfamilie noch immer. Anlässlich des Tags des offenen Denkmals 2018 gewährte sie der Öffentlichkeit Einblick in ihr frisch restauriertes Zuhause.
1818 ließen die Wolffskeels von Reichenberg in Uettingen ein Schloss als Sommerresidenz errichten. Hier lebt die Grafenfamilie noch immer. Anlässlich des Tags des offenen Denkmals 2018 gewährte sie der Öffentlichkeit Einblick in ihr frisch restauriertes Zuhause.

Auch im nahen Roßbrunn ließen viele Soldaten ihr Leben. Pfarrer J. B. Seikel veranlasste, dass auf dem das Dorf überragenden Vogelsberg ein Ehrenmal für die Gefallenen errichtet wurde. Genau ein Jahr nach der Schlacht weihte er es ein. 

Dass auf der „Route 6“ insgesamt etwa 100 Höhenmeter zu überwinden sind, ist wesentlich dem Anstieg zum Vogelsberg geschuldet. Wanderer werden dafür hier oben – in der warmen Jahreszeit – mit der farbenfroh blühenden Flora des unter Naturschutz gestellten Kalktrockenrasens entlohnt: mit Küchenschelle, Helmknabenkraut, Türkenbundlilie, Königskerze, Sonnenröschen und so weiter. 

Auf dem Vogelsberg oberhalb von Roßbrunn ehrt ein Denkmal die Gefallenen des Deutschen Kriegs von 1866. Das Gelände ist heute Naturschutzgebiet.
Auf dem Vogelsberg oberhalb von Roßbrunn ehrt ein Denkmal die Gefallenen des Deutschen Kriegs von 1866. Das Gelände ist heute Naturschutzgebiet.

Jagdhorn

Wieder unten im Tal des Aalbach, dessen Name gewiss nichts mit dem schlangenähnlichen Fisch zu tun hat, zieht in Mädelhofen die 1929 eingeweihte Kirche St. Kilian mit ihrer Zwiebelhaube die Menschen an. Über dem Chorbogen sind die Frankenapostel großflächig auf die Wand gemalt. Mädelhofen wurde im Gegensatz zu den viel älteren Orten Uettingen (752) und Roßbrunn (1160) recht spät, 1465, erstmals urkundlich erwähnt, und zwar als eine Gründung des Frauenklosters Unterzell. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ließ Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn wegen ihres katholischen Glaubens vertriebene Wertheimische Bauern ansiedeln und teilte den Weiler deshalb in acht Höfe. 

Mädelhofen ist eine Gründung des Frauenklosters Unterzell. 1929 bekam der Ort eine eigene Kirche. Sie ist dem heiligen Kilian geweiht. Mit seinen Gefährten Kolonat und Totnan ist er über dem Chorbogen dargestellt.
Mädelhofen ist eine Gründung des Frauenklosters Unterzell. 1929 bekam der Ort eine eigene Kirche. Sie ist dem heiligen Kilian geweiht. Mit seinen Gefährten Kolonat und Totnan ist er über dem Chorbogen dargestellt.

Ein weiterer Fürstbischof, Johann Philipp Franz von Schönborn, der „einer gar zu häfftigen Passion zu dem Weydwerk“ frönte, entschied sich 1724, gut drei Kilometer außerhalb Mädelhofens (auf heutiger Waldbrunner Gemarkung) ein „Jagd- und Lusthaus“ errichten zu lassen. Von der Bekanntgabe am 22. April bis zum Baubeginn am 19. Juni entwarf Hofbaumeister Balthasar Neumann Pläne für eine Architektur, die vor allen Einflüsse seiner im Jahr zuvor getätigten Reise nach Paris zeigen: zentrales Treppenhaus und gegenüberliegender Hauptsaal … Doch Schönborn ereilte am 18. August wohl infolge eines weinfröhlichen Jagdausflugs bei Oesfeld der Tod. Sein Nachfolger Christoph Franz von Hutten ließ das Projekt stoppen, die formgebenden Grundmauern zuschütten, sie quasi in einen Mantel des Schweigens hüllen. Jedoch: Unweit verläuft die A 3. Bei einem Routineflug der Autobahnpolizei am 13. Juni 1990 wurde der verhinderte Bau als mutmaßliches römerzeitliches Relikt wiederentdeckt. Bis dato unerkannte, in der Würzburger Unibibliothek verwahrte Zeichnungen aus Neumanns Baubüro stimmen mit den freigelegten Fundamenten überein … Seit 1996 sind sie als landesgeschichtliches Anschauungsobjekt zugänglich. 

Nicht bloß als Zweckbau plante Balthasar Neumann für seinen Fürstbischof das Jagdschloss bei Mädelhofen. Schon zwei Monate nach Beginn wurden die Arbeiten allerdings eingestellt. Die Grundmauern, die vor rund 25 Jahren freigelegt, restauriert und unter Denkmalschutz gestellt wurden, verraten französischen, aber auch Mainzer und Wiener Einfluss auf die Architektur des Meisters.
Nicht bloß als Zweckbau plante Balthasar Neumann für seinen Fürstbischof das Jagdschloss bei Mädelhofen. Schon zwei Monate nach Beginn wurden die Arbeiten allerdings eingestellt. Die Grundmauern, die vor rund 25 Jahren freigelegt, restauriert und unter Denkmalschutz gestellt wurden, verraten französischen, aber auch Mainzer und Wiener Einfluss auf die Architektur des Meisters.

Posthorn

Auf das Jagdhorn folgt noch das Posthorn. Dazu geht’s nun parallel zum Wasserlauf zurück nach Roßbrunn. Der Ort profitierte 1764 von einer „Umleitung“ der Post- und Reisestrecke Frankfurt–Würzburg. Die Station für den Pferdewechsel wurde von Remlingen nach Roßbrunn verlagert. Johann Heinrich Bauer aus Lengfurt übernahm die Aufgabe des Posthalters, der für die Reparatur und den Ausbau der Straße und für die Bewirtung der Reisenden zu sorgen hatte. Dessen Sohn verkaufte 1795 das Geschäft an die Külsheimer Familie Horn, die es vortrefflich ausdehnte mit Stallungen für 60 Zugtiere und Wirtshaus samt Brauerei. Lorenz Horn ließ 1836 noch ein dreistöckiges Hotel errichten. Allerdings verlor die Poststation durch Bahn- und Kraftomnibusverkehr an Bedeutung, bis sie 1923 aufgelöst wurde.

Horn – der ideale Name für den Eigentümer einer Poststation. Das Posthorn auf dem Türstock gibt eindeutige Auskunft.
Horn – der ideale Name für den Eigentümer einer Poststation. Das Posthorn auf dem Türstock gibt eindeutige Auskunft.

In der gewinnbringenden Ära förderte die Familie Horn im weiten Umkreis soziale Einrichtungen. Unter anderem stiftete sie auch die 1872 fertiggestellte Pfarrkirche St. Josef von Roßbrunn. Und ein wenig schaut dort ein Hirte in der Krippe nicht wie ein Flötenspieler, sondern wie ein Hornbläser aus. Genau weiß man’s nicht, denn an seinem Mundstück nagt der Zahn der Zeit. Während Corona grassiert, dürfte er ohnehin nicht blasen.

Flötist? Da er zur Weihnachtskrippe in der Roßbrunner Pfarrkirche St. Josef musiziert, müsste er ein Hornist sein. Darauf deutet auch der breite Trichter seines Instruments hin.
Flötist? Da er zur Weihnachtskrippe in der Roßbrunner Pfarrkirche St. Josef musiziert, müsste er ein Hornist sein. Darauf deutet auch der breite Trichter seines Instruments hin.

| Fotos: B. Schneider

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