Kulturweg im Aschachtal gibt Einblick in adeliges, klösterliches und bäuerliches Leben

Von Dorf und Schloss Aschach kommend gabelt sich die Hauptroute an der Borstmühle. Auf der einen Seite geht’s nach Frauenroth und auf der anderen nach Stralsbach. Hier zu einem früheren Zentrum zisterziensischer Tugenden und dort zu einer angesagten gastronomischen Pilgerstätte. Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch! Nahrung für Leib, Geist und Seele finden diejenigen, die entlang des Flüsschens Aschach sowie des ihm links zufließenden Lederbachs und des von rechts mündenden Stralsbachs wandert oder radelt. Der Kulturweg gewährt Einblick in einstiges adeliges, klösterliches und bäuerliches Leben. Eine besondere Rolle spielen historische Bewässerungsanlagen.

Die 500 Exemplare einer 120-seitigen Dokumentation des ausgeklügelten Systems an Gräben, Schützen (Schieber/Absperrungen) und Wehren waren nach der Veröffentlichung vor fünf Jahren schnell vergriffen. Der seinerzeitige Vorsitzende des Rhönklub-Zweigvereins Burkardroth, Klaus Wehner, und der Schriftführer Alois Müller haben detailgenau beschrieben, welch hohe Bedeutung das Wasser für die Bevölkerung hatte und in welche Bahnen es gelenkt wurde. Dazu interviewten sie zig Zeitzeugen – teilweise weit jenseits der 80. Im Staatsarchiv in Würzburg machten sie Pläne ausfindig. Den Verlauf manches nicht mehr gefluteten Kanals lasen sie aus der Topografie heraus, indem sie die Landschaft akribisch durchstreiften. Am Ende übertrugen sie dieses Geflecht in aktuelle Karten. „WasserWege“ stand und steht über dem aus regionalen, Landes- und europäischen Fördertöpfen unterstützten und letztlich preisgekrönten Projekt. 

Perfekt ausgetüftelt

Zwölf im ganzen Tal verteilte Schautafeln berichten vom entbehrungsreichen Dasein der Menschen in diesem Landstrich und ihrem aufopferungsvollen Bemühen, dem kargen Boden genügend Ertrag abzuringen. Klaus Wehner glaubt: „Die ersten Bewässerungsbauten, um die Futterwiesen mehrfach im Jahr abernten zu können, stammen aus dem Mittelalter.“ Ein historisches Wehr direkt am Fuß- und Radweg wurde aufwendig rekonstruiert. Es lädt ein zu rasten und zu plantschen.

Ein aufwendig rekonstruiertes Wehr befindet sich ganz nah am Geh- und Radweg. Gut geeignet zum Rasten und Plantschen. 

Der 72-jährige Wehner zeigt sich begeistert vom technischen Verständnis der Altvorderen; mit einfachen Mitteln schufen sie ein ideales Gefälle. Mehr aber beeindruckt ihn – das mag seinem Beruf als Polizeibeamter geschuldet sein – die sozial gerechte Verteilung des kostbaren Nasses. Als er diejenigen befragte, die hier selbst noch mit der Sense Gras mähten, erfuhr er, dass es zuweilen auf einem Abschnitt von wenigen Hundert Metern bis zu 25 Anlieger gab: „Hosäkühbauern, Gäßbauern und richtiche Bauern.“ Angesichts jener Zahlen empfindet er die aktenkundig gewordenen Konflikte vor allen zwischen Bauern und Müllern als verschwindend gering. Immerhin existierten 15 Mühlen, deren Räder sich freilich nur drehten, wenn ausreichend Schub auf die Schaufeln kam. 

Die Motorisierung der Landwirtschaft erfolgte im Aschachtal mit seinen Futterwiesen erst spät und auch nicht in dem Ausmaß wie beim Ackerbau.

Neun barrierfreie Kilometer

Die Idee, einen Kulturweg anzulegen, ist schon über 40 Jahre alt. Der damalige Ortssprecher von Frauenroth, Winfried Grom, regte dies an, als 1978 die Flurbereinigung eingeleitet wurde. Das erste Wegstück zwischen Aschach und der Borstmühle wurde 2002 eröffnet, der Rest dann 2010. Die einfache Strecke ist neun Kilometer lang, insgesamt barrierefrei und kinderwagentauglich.

Von Radfahrern und Wanderern gleichermaßen eifrig frequentiert: der Kulturweg „WasserWege“ im Aschachtal.

Es fehlte bis dato die wissenschaftliche Bearbeitung und die pädagogische Aufbereitung. Gewissermaßen als Startkapital stellte der Rhönklub 3000 Euro zur Verfügung. „Gebraucht wurden schließlich rund 100 000 Euro“, erinnert sich Klaus Wehner. Und froh ist er, dass ihm noch eingefallen ist, mit welcher thematischen Klammer sich Anfangs- und Endpunkt miteinander verbinden lassen: Poppo VI. ließ in Aschach eine hennebergische Burg errichten. Sein Sohn Otto von Botenlauben und dessen Gemahlin Beatrix von Courtenay stifteten 1231 Kloster Frauenroth – wohl, „um sich des göttlichen Segens für ihre politischen Entscheidungen zu versichern“. Der Sage nach hat ein brausender Wind auf Burg Botenlauben oberhalb von Reiterswiesen bei Bad Kissingen der Gräfin den Schleier vom Kopf gerissen und davongetragen. Nach drei Tagen sollen „drei Weiber“ aus Burkardroth ihn am gottgewollten Standort für das Kloster gefunden haben. Den Bau ermöglichte das ebenso fromme wie kunstsinnige Paar, indem es ihren Stammsitz an den Fürstbischof von Würzburg verkaufte. Otto verstarb 1244, Beatrix einige Jahre später. Beide sind im Chorraum der Frauenrother Kirche beigesetzt. Ihre Grabplatten sind Steinmetzarbeiten aus spätstaufischer Zeit.

Die Grabplatten von Otto von Botenlauben und Beatrix von Courtenay aus grau-grünem Sandstein entstanden mehr als drei Jahrzehnte nach dem Tod des Grafenpaares. Sie zeigen keine realistischen Porträts, sondern Idealvorstellungen. Die Künstler waren wahrscheinlich an einer Dombauhütte tätig.
Die ursprüngliche Klosterkirche von Frauenroth repräsentiert architektonisch den Übergang von der romanischen Basilikaform zur für die Baukultur der Zisterzienser typischen Hallenkirche.

Weiteren Vertretern aus dem einflussreichen Adelsgeschlecht der Henneberger diente diese Kirche als Grablege. Dies ist äußerlich allerdings nicht mehr zu erkennen. Schwedische Reiter hatten 1640 große Teile der Anlage abgebrannt. Später wurden die beiden Seitenschiffe abgebrochen, um das raumgreifende Gotteshaus der früheren Zisterzienserinnenabtei, die aus aus 80 Dörfern Einkünfte bezog, in reduzierter Gestalt künftig als Dorfkirche zu nutzen.

Obstbaummethusalem

In einer Schleife kehrt man zurück zur Borstmühle. Der Weg führt vorbei am vermutlich ältesten und mächtigsten Apfelbaum der Rhön mit einem Stammumfang von rund dreieinhalb Metern. 150 bis 200 Jahre hat der Obstbaummethusalem auf der Borke. Genetisch ist er einmalig. Aufgrund des Wuchses und der Beheimatung wird die Apfelsorte „Frauenrother Wilde“ genannt. Die gelb-grünen Früchte mit zarten rötlichen Bäckchen taugen kaum, um sie frisch zu verspeisen; sie werden zu Most oder Schnaps verwertet. 

Die „Frauenrother Wilde“ gilt als der älteste und mächtigste Apfelbaum der Rhön. Als Speiseobst taugen die Früchte leider kaum.

Um sich mit fester Nahrung nicht nur aus dem Rucksack zu verpflegen, ist dann doch noch eine zweite Schleife nach Stralsbach zu empfehlen – oder ganz zurück nach Aschach. Im Schloss und seinen Nebengebäuden sind sage und schreibe drei Museen (Graf-Luxburg-Museum, Volkskundemuseum und Schulmuseum), aber auch ein Lokal untergebracht.

| Text und Fotos: B. Schneider

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