Ein Ordensmann weist den Weg

Es war ein Fasttag, als wir uns kennenlernten. Trotzdem oder gerade deshalb merkte ich schnell: Der Mann versteht zu genießen mit Augen und Ohren, Nase und Gaumen – in Maßen; jedenfalls muss sein Habit nichts kaschieren. 

In den vergangenen zwölf Jahren war er nach Rom in die Leitung seines Ordens berufen und von dort immer wieder weltweit unterwegs. Wenn ihm allerdings jemand fränkische (Brat-)Würste brachte, ging ihm das Herz auf. Die schmecken nach Heimat und nach wunderbaren Erinnerungen.

Seine Wurzeln hat der Frater in Kahl am Main. Er ist sich bewusst, dass sich bei jedem seiner seltenen Besuche der Kahlgrund etwas mehr gewandelt hat. Konstanten sind für ihn unter anderem die Wallfahrtskirche in Kälberau sowie der von hier gut zu erreichende Ludwigsturm auf dem Hahnenkamm, dem Alzenauer Hausberg. Er nennt ferner die Lourdesgrotte in Hohl, wo die Menschen der ganzen Umgebung im Mai zu Ehren der heilbringenden Gottesmutter ein Fest mit Lichterprozession, Kreuzwegandacht und Hochamt feiern. Schöllkrippen gilt ihm als eine der schönsten Gemeinden im Tal der Kahl. Wenn die Sonne sengt, bietet das Blätterdach im Wiesener Forst Schatten bei Wanderungen rund um die beiden Quellen des Spessartflüsschens, das sein Wasser an den mit 102 Metern über Normalnull tiefsten Punkt Bayerns schafft. Vor der Heimkehr gönnt der Ordensmann sich gerne noch in Kleinkahl bei der „Käslies“ einen Handkäs; ein Klacks Sauerrahm macht diesen besonders. – Gute Empfehlungen?            bs


Reise zu Mittel- und Höhepunkten

War, ist und bleibt der Kahlgrund der Nabel Europas?

Eine der beiden Kahlquellen im Wiesener Forst. | Foto: B. Schneider

Nur ein paar Schritte liegen die beiden Quellen bei der Bamberger Mühle auseinander. Sie schütten 50 bis 60 Liter Wasser pro Sekunde und speisen damit die Kahl. Auf deren nicht ganz 40 Kilometer langen und etwa 200 Höhenmeter überwindenden Weg bis zur Mündung beim gleichnamigen Ort, also bei Kahl, in den Main fließen ihr noch eine Reihe ebenso namensgebender Gewässer zu: Kleine Kahl, Westerbach, Sommerkahl, Feldkahl, … Der Kahltal-Spessart-Radweg begleitet den Fluss auf der ganzen Strecke, die Kahlgrundbahn immerhin auf dem größten Teil. Durchgehend dürfen wir Außergewöhnliches erleben. Und um es vorweg zu nehmen: Am stärksten wirkt die Begegnung mit „Maria zum rauen Wind“ nach.

Alzenau ist unbestritten das Zentrum des Kahlgrunds. Die zwischen 1395 und 1399 von den Mainzer Erzbischöfen und Kurfürsten errichtete Burg zeugt von der frühzeitigen Bedeutung. Gesunde Betriebe und weiterführende Schulen sorgen für Zuwachs. Heute leben fast 19.000 Einwohner in sechs Stadtteilen. Das Gelände der 2015 durchgeführten Landesgartenschau steht Erholungssuchenden offen – in den Sommermonaten mit wechselnder Bewirtung durch Winzer der Umgebung. Immerhin ziehen sich 85 Hektar Weingärten die Hänge hoch. Die Lage „Michelbacher Apostelgarten“ ist gar denkmalgeschützt. Hier wurde erst jüngst in Kontrast zu den traditionellen Weinbergshäuschen ein architektonisch mutiger Aussichtspunkt geschaffen, ein „terroir f“ bezeichneter magischer Ort im Weinland Franken; der Blick reicht bis zur Frankfurter Skyline.

Vorzügliche Tropfen entstehen am Westrand des Spessarts. Dass die jungen Triebe nicht erfrieren und es später die Ernte nicht verhagelt, dafür möge sich in Kälberau – in direkter Nachbarschaft – die Gottesmutter einsetzen. Der Legende nach soll eine um 1380 geschnitzte Madonna mit Jesukind in einem Hollerbusch gefunden worden sein. Man stellte sie außen am Kirchturm in eine Nische mit dem Gesicht nach Westen zu den Weinbergen, damit sie die rauen Winde abhalte.

Das Gnadenbild der Maria zum rauen Wind stammt aus der Zeit um 1380. | Foto: B. Schneider
Das Gnadenbild der Maria zum rauen Wind stammt aus der Zeit um 1380. | Foto: B. Schneider

1372 wurde in Kälberau schon eine Kapelle erwähnt. 1603 war, was immer noch gut zu erkennen ist, von einer „Kirchenburg mit festem Ringgemäuer als Wallfahrtsstätte“ die Rede. Der innig verehrten Maria wurde in die Brust ein Edelstein eingesetzt, und zwar an der Stelle, wo im Dreißigjährigen Krieg ein spanischer Grenadier sie mit einer Gewehrkugel getroffen haben soll. Das Geschoss soll zurückgeprallt sein und den Soldaten tödlich verletzt und dessen Frevel unverzüglich gerächt haben.

Seit 1774 befindet sich die etwa 50 Zentimeter hohe Figur wohlbehütet im Kircheninneren. Seit 1957 steht sie über dem Altarblock und Tabernakel des alten gotischen Gotteshauses. Dessen nördliches Seitenschiff, das bis 1955 als Gnadenkapelle diente, war wegen des immens gewachsenen Pilgerstroms nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochen und durch einen Zwischenbau zu einer neuen Kirche ersetzt worden. Dombaumeister Hans Schädel aus Würzburg hatte in Verbindung mit der historischen Substanz ein modernes Bauwerk in Form eines griechischen Kreuzes konzipiert; die wandhohen Fenster holen die Natur förmlich herein. Zum Glück aber eben nur optisch. Denn Maria zum rauen Wind demonstrierte uns plötzlich, dass sie nicht von ungefähr so genannt wird: Obwohl wir unter blauen Firmament gestartet waren, graupelte es.

Auf dem Hahnenkamm, dem Hausberg von Alzenau, erhebt sich seit 1880 der Ludwigsturm. | Foto: B. Schneider
Auf dem Hahnenkamm, dem Hausberg von Alzenau, erhebt sich seit 1880 der Ludwigsturm. | Foto: B. Schneider

So durften wir bei leichter Schneeauflage vom Wanderparkplatz Oberwald zum Ludwigsturm auf den 437 Meter hohen Hahnenkamm steigen – und zudem rund 120 Stufen. Unter der Schirmherrschaft des bayerischen Königs Ludwig II. sowie in Erinnerung an Ludwig I., der 1840 seinen 54. Geburtstag auf dem Hausberg der Alzenauer gefeiert hatte, und an die 700-jährige Regentschaft der Wittelsbacher errichtete der Wanderverein „Freigerichter Bund“ 1880 diesen massiven Ausguck. Bei seiner Sanierung 2004 erhielt er einen schützenden Aufsatz aus Stahl. Richtungsweiser verraten, was man idealerweise bei klarem Wetter sähe.

Weit reicht der Ausblick vom Ludwigsturm auf dem Hahnenkamm – bei klarem Wetter. | Foto: B. Schneider
Weit reicht der Ausblick vom Ludwigsturm auf dem Hahnenkamm – bei klarem Wetter. | Foto: B. Schneider
Oberwestern in der Gemeinde Westerngrund wird wohl nicht die letzte Etappe auf dem EU-Mittelpunktweg blieben ... | Foto: B. Schneider
Oberwestern in der Gemeinde Westerngrund wird wohl nicht die letzte Etappe auf dem EU-Mittelpunktweg blieben … | Foto: B. Schneider

Nach der wärmenden Stärkung im Berggasthof ist ein Verdauungsspaziergang fällig. Wir kreisen in einem Seitental der Kahl bei Oberwestern in der Gemeinde Westerngrund um den geografischen Mittelpunkt der Europäischen Union. Wenn die Briten den Austritt aus der Gemeinschaft vollziehen sollten, dann würde er weiter östlich rücken nach Gadheim bei Veitshöchheim. Oberwestern selbst hatte zum 1. Juli 2013 den Ort Meerholz beerbt, als Kroatien der EU beitrat. Der damals vermessene Mittelpunkt verschob sich am 1. Januar 2014 nochmals um etwa 500 Meter, weil das Überseeterritorium Mayotte zu einem regulären Département Frankreichs bestimmt wurde. Jedenfalls wird jetzt und künftig eine Hülse fränkischen Bodens in der bayerischen EU-Vertretung in Brüssel verwahrt.

Hans-Jürgen Fehre betreibt in Schöllkrippen die 1. Kahlgründer Kaffeerösterei. | Foto: B. Schneider
Hans-Jürgen Fehre betreibt in Schöllkrippen die 1. Kahlgründer Kaffeerösterei. | Foto: B. Schneider
Die beliebste Komposition von H.-J. Fehre ist der Kahlgründer Schümli. | Foto B. Schneider
Die beliebste Komposition von H.-J. Fehre ist der Kahlgründer Schümli. | Foto B. Schneider

Was auch immer Premierministerin Theresa May und ihr Parlament sich noch einfallen lassen –konkret in Schöllkrippen verzichtet man auf englischen Tee zugunsten eines original Kahlgründer Schümlis. Das ist zumindest laut Hans-Jürgen Fehre die beliebteste Mischung, die die Kunden in seiner von ihm seit über zehn Jahren direkt am Marktplatz betriebenen Kaffeerösterei nachfragen. Hierfür kombiniert er Arabica- und Robustasorten aus Brasilien, Mexiko und Indien. Für die kräftige Spessarträuber-Hausmischung verwendet er Bohnen aus dem Hochland von Brasilien, Costa Rica, Columbien und Afrika. Fehre erklärt, dass er seinen Kaffee vorwiegend lang und dunkel röstet, was ihn sehr bekömmlich und ergiebig mache. Sein Wissen gibt er in monatlich stattfindenden Seminaren weiter. Und kosten kann man sowieso fast täglich an den rund um die Röstmaschine angeordneten Cafétischchen; meist gibt es auch frisches Gebäck.

In Anbetracht dessen empfinden wir es nicht als schlimm, dass die geplante Schlussrast bei der „Käslies“ in Kleinkahl ausfallen muss. Dass sie erst nach 16 Uhr öffnet, war schon auf ihrer Internetseite zu lesen. Allerdings hatte sie nicht eingepflegt, wann sie Urlaub macht. Wir kommen ein andermal wieder. Zum Beispiel wenn in Schöllkrippen neben der Lukaskapelle mit ihrem 32 Meter hohen Spitzhelm, die die Zeit seit 1449 ohne gravierenden Umbau überdauerte, die Jahrtausendlinde blüht …

Lukaskapelle mit Jahrtausendlinde in Schöllkrippen. | Foto: B. Schneider
Lukaskapelle mit Jahrtausendlinde in Schöllkrippen. | Foto: B. Schneider

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